2015 war ein Jahr der Populisten. In ganz Europa sind Parteien aufgestiegen, die den Konsens der etablierten Politik infrage stellen und dem Wähler scheinbar einfache und national geprägte Lösungen präsentieren. Am offensichtlichsten war dies in Frankreich und den USA zu beobachten. Dieser Wandel in der Wählergunst wird die Politik in Europa und auch im Rest der Welt in den kommenden Jahren prägen. Die Ursachen für diese Entwicklung zu verstehen, ist deshalb unerlässlich.

Eine der wichtigsten Triebfedern, sich radikaleren politischen Positionen zuzuwenden, ist ein Gefühl von Unsicherheit, das sich in großen Teilen der Mittelschicht breitgemacht hat. Der Rückhalt für Donald Trump ist beispielsweise besonders groß bei Wählern mit einem Jahreseinkommen von weniger als 40.000 Dollar, gefolgt von der Einkommensklasse zwischen 40.000 und 75.000 Dollar. Oft wird das Klischee das "angry white man" genutzt, um diese Entwicklung zu erklären. Das greift jedoch zu kurz. Aber festzuhalten ist: Diese Bevölkerungsschichten geraten zunehmend unter Druck, ihren Job und ihren sozialen Status zu halten.

Zahlen des Pew Research Centers zeigen, dass die amerikanische Mittelschicht schrumpft. Das Realeinkommen stagniert seit 2000, die Einkommensverteilung geht immer weiter auseinander. In Frankreich ist es weniger eine Frage der Verteilung. Die hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Die Franzosen treibt vielmehr die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Während die Langzeitarbeitslosigkeit seit 2008 von 2,8 auf 4,4 Prozent gestiegen ist, liegt die Arbeitslosenquote insgesamt seit 30 Jahren bei über sieben Prozent.

Der Druck wächst

Die Politik muss diesem steigenden Druck, diesen zunehmenden Ängsten angemessen begegnen. Eine Kernfrage lautet: Wie sieht die Arbeit der Zukunft aus? Klar ist: Der Anteil des Gesamteinkommens, der auf normale Lohnarbeit fällt, ist in mehreren Industrieländern und insbesondere den USA gesunken. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungsansätze: Die wachsende Automatisierung führt zu einem Abbau von Arbeitsplätzen, technischer Fortschritt untergräbt klassische Geschäftsmodelle und schlussendlich führt die Globalisierung dazu, dass Arbeitnehmer weltweit in Konkurrenz um Jobs treten. Oder vielleicht gibt es zu wenige Investitionen, die das Arbeitseinkommen stärken?

Unabhängig von den genauen Ursachen wirft der Rückgang des Arbeitseinkommens wichtige Fragen auf in Bezug auf den Wohlfahrtsstaat. Letzterer hat Haushalte teilweise vor steigender Ungleichheit und dem Risiko von Arbeitslosigkeit geschützt. Allerdings basiert der Wohlfahrtsstaat auf der Besteuerung von Arbeitseinkommen. Da ein größerer Teil des Gesamteinkommens nun Kapital zufließt, gerät die Haupteinnahmequelle des Staates unter Druck – gleichzeitig belasten Kosten durch Arbeitslosigkeit und Finanzkrisen und höhlen die Einnahmeseite aus.

Einfache Antworten auf diese komplexen Fragen werden scheitern, entgegen den Behauptungen der aufstrebenden Populisten. Werden die Grenzen dichtgemacht, wird lediglich der Export behindert und Importe verteuert. Das Ergebnis: Noch mehr Arbeitsplätze gehen verloren. Migranten wiederum tragen nicht nur zur normalen Wirtschaftstätigkeit bei, sondern leisten letztlich einen positiven Nettobeitrag zu den Staatsfinanzen. Das alternde Europa braucht sie, um den Wohlfahrtsstaat zu erhalten. Abschottung wäre ein ernsthaftes Problem für unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

Die etablierte europäische Politik darf sich den Populisten deshalb nicht beugen. Die EU muss beweisen, dass sie bessere Antworten finden und auch umsetzen kann. Falls der Rückgang des Arbeitseinkommens die Folge von mangelndem Kapital ist, würde die Besteuerung von Investitionen weiter Druck darauf ausüben. Falls hingegen Roboter unsere Arbeitsplätze wegnehmen, müssen wir Wege finden, um sicherzustellen, dass Roboter (und deren Eigentümer) zahlen. Die Besteuerung von Kapitaleigentümern erfordert jedoch Kooperation zwischen den Ländern, um Steuervermeidung zu verhindern.

Die EU wurde konzipiert, um solche gemeinsamen Probleme auf eine effektivere Art und Weise anzugehen. Was den Handel betrifft, hat sie nicht nur intern Zölle abgeschafft, sondern tritt auch als globale Wirtschaftsmacht auf, die europäische soziale und ökologische Standards durchsetzt. Die Flüchtlingskrise und die jüngsten Terroranschläge haben aber gezeigt, dass es an angemessenen externen Grenzkontrollen mangelt und die Kooperation beim Thema innere Sicherheit verbessert werden muss. Und die Reform der Währungsunion hin zu einer echten Stabilitätsunion ist noch längst nicht abgeschlossen. 2016 müssen die etablierten Parteien liefern und sachkundige Antworten auf diese wichtigen Fragen finden. Die EU darf das Feld nicht den Populisten überlassen.