ZEIT ONLINE: Würde eine US-Präsidentin Hillary Clinton Soldaten schicken?

Ferguson: Ja, ich glaube, sie wird es müssen. Aber ein stärkeres militärisches Eingreifen ist allenfalls ein kleiner Schritt hin zu einer Lösung. Das größere Problem ist, dass die muslimische Welt sich gerade selbst zerreißt. Die Flüchtlingskrise wird nicht enden, solange wir dieses Problem nicht lösen. Der Westen braucht eine kohärente Strategie für den Nahen Osten und gegen den radikalen Islam.

ZEIT ONLINE: Wie könnte die aussehen?

Ferguson: Wir müssen den Ländern helfen, sich zu entwickeln – kulturell und zivilisatorisch. Wir müssen ihnen helfen, sich dem Westen anzunähern. Viele Menschen aus der Region wollen nach Europa, so schlecht kann also unser System nicht sein. Wir müssen den Weg für eine muslimische Reformation bereiten.

Europa hat vergessen, dass Grenzen wichtig sind.
Niall Ferguson

ZEIT ONLINE: In Deutschland bringt die Flüchtlingskrise Kanzlerin Merkel innenpolitisch stark unter Druck. Die rechtspopulistische AfD kommt in Umfragen mittlerweile auf zehn bis elf Prozent. Sie haben die Partei 2013 als Witz bezeichnet. Würden Sie das heute wiederholen?

Ferguson: Sie war es damals. Seitdem hat sich die Situation aber radikal verändert. Überall in Europa floriert der Populismus. In Deutschland vielleicht so stark wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Aber das ist die Folge von politischen Fehlentscheidungen. Sie haben den Nährboden für solche Bewegungen gelegt.

ZEIT ONLINE: Welche Fehlentscheidungen meinen Sie?

Ferguson:Schengen war ein Fehler. Großbritannien hat gut daran getan, sich nicht daran zu beteiligen.

ZEIT ONLINE: Aber die Abschaffung der Grenzkontrollen zwischen den Schengen-Staaten ist ein Grundpfeiler der europäischen Integration. Vor der Flüchtlingskrise hat Schengen gut funktioniert.

Ferguson: Viele Dinge können eine Zeit lang gut laufen, trotzdem können sie einen Fehler darstellen. Die EU-Mitgliedsländer haben mit Schengen eine zentrale staatliche Aufgabe aufgegeben: die Sicherung der Grenzen. Europa hat vergessen, dass Grenzen wichtig sind. Die Flüchtlingskrise hat mit großer Vehemenz daran erinnert.

ZEIT ONLINE: Kann der wachsende Populismus am linken und rechten Rand die EU als Ganzes gefährden?

Ferguson: Um das europäische System zu brechen, müssten die Populisten in Europa wirklich an die Macht kommen. Für die EU spielt es keine Rolle, ob sie in einzelnen Wahlen zehn oder vielleicht sogar 20 Prozent der Stimmen holen. In den Mitgliedsstaaten gibt es immer die Möglichkeit, große Koalitionen aus der politischen Mitte heraus zu bilden.