ZEIT ONLINE: In Polen und Ungarn sind die Populisten bereits an der Macht.

Ferguson: Stimmt. Aber ich glaube nicht, dass plötzlich in der Mehrheit der großen und wichtigen EU-Staaten Populisten regieren werden. Geert Wilders wird etwa nie Ministerpräsident in den Niederlanden werden. Und in Frankreich wird die rechte Mitte François Hollande zum Staatspräsidenten wählen – und nicht Front-National-Vorsitzende Marine Le Pen.

ZEIT ONLINE: Vor allem junge Menschen wählen die neuen Populisten in Europa. Für sie ist Europa gleichbedeutend mit Krise, Streit und Arbeitslosigkeit.

Ferguson: Die Kosten der Eurokrise wurden vor allem den jungen Südeuropäern aufgebürdet, das stimmt. Da ist es wenig überraschend, dass sie sich von der politischen Mitte abwenden. Wäre ich ein junger Südeuropäer, hätte ich längst versucht, in die USA auszuwandern.

ZEIT ONLINE: Egal ob Flüchtlings- oder Eurokrise: Zur Lösung der großen Probleme wäre mehr Europa notwendig. Nur wollen immer mehr Menschen genau das Gegenteil.

Ferguson: Das stimmt. Wenn die Währungsunion funktionieren soll, braucht es eine Art Finanzunion. Aber die deutsche Regierung ist dagegen und sagt immer: keine Transferunion, bloß keine Transferunion. Das ist absolut absurd und kann auf Dauer nicht funktionieren.

Glauben Sie wirklich, dass die EU-Mitgliedsländer plötzlich aufstehen und rufen: "Ja, wir wollen viel mehr Flüchtlinge aufnehmen"?
Niall Ferguson

ZEIT ONLINE: Was ist die Alternative?

Ferguson: Möglich wäre eine losere Europäische Union. Das könnte etwa bedeuten, dass Griechenland doch aus der Eurozone austritt. Oder dass Schengen endgültig aufgegeben wird und jedes Land wieder selbst für seine Grenzen zuständig ist.

Logischer wäre es natürlich, zu sagen: Wir sind so weit gekommen, jetzt lasst uns die Europäische Union stabilisieren und fertig bauen. Darüber müssen am Ende die Politiker in Europa und deren Wähler entscheiden. Wenn Letztere wirklich eine losere Union wollen, sollten sie sie bekommen.

ZEIT ONLINE: Gerade streitet Europa über ein neues Dublin-Abkommen und einen Schlüssel zur Verteilung der Flüchtlinge. Glauben Sie an eine schnelle Einigung?

Ferguson: Es hat Monate gebraucht, sich auf eine winzige Zahl von Flüchtlingen zu einigen, die in EU-Staaten verteilt werden sollen. Warum sollte jetzt binnen wenigen Wochen der große Wurf gelingen? Glauben Sie wirklich, dass die EU-Mitgliedsländer plötzlich aufstehen und rufen: "Ja, wir wollen viel mehr Flüchtlinge aufnehmen"?

ZEIT ONLINE: Also macht am Ende jedes Land doch seine Grenzen dicht?

Ferguson: Ja, Deutschland wird das auch tun müssen. Und damit landet die Flüchtlingskrise wieder da, wo sie ursprünglich war: in den Nachbarstaaten Syriens.