Natürlich hängt irgendwann an diesem Abend die Frage im Raum: Was tun? Was ist die Alternative?

Da zuckt Streeck nur mit den Achseln. Er setzt nicht auf die Kraft der Kapitalismusgegner. So wie die Wirtschaftselite – "die Leute in Davos" – nicht mehr wüsste, wie sie das wilde Tier Kapitalismus noch bändigen könnten, so wären auch "die Leute von Porto Alegre", die Kritiker, nicht wirklich global handlungsfähig. Es bleibt das Bild einer ausgelieferten Welt.

Dieser nüchterne Pessimismus kann lähmend wirken, aber auch befreiend. Weil er ermöglicht, über Veränderungen nachzudenken, ohne gleich eine schlüssige Alternative bieten zu müssen. Auch wenn niemand eine Antwort auf die Frage hat, was nach dem Kapitalismus kommen könnte, sollte man sich trotzdem mit seinem Niedergang beschäftigen.

Es gab eine Zeit, in der man nur 'Europa' sagen musste, und alle sind auf die Knie und in Gebetsstarre verfallen.
Wolfgang Streeck

Ähnliches gilt für die Europäische Union. Niemand kann Nationalstaaten für das bessere Betriebssystem der Globalisierung halten. Das wäre "muffig, altbacken, und auf jeden Fall rechts", sagt Wagenknecht. Aber die konkrete Politik der EU müsse trotzdem kritisierbar sein. "Es gab eine Zeit, in der man nur 'Europa' sagen musste, und alle sind auf die Knie und in Gebetsstarre verfallen", spottet Streeck.

Er verfällt in eine Wutrede auf Jean-Claude Juncker, der lange die Steueroase Luxemburg regiert hat: "Der oberste Steuerhinterziehungsbeihelfer wird EU-Kommissionspräsident! Manchmal hat man das Gefühl, man wird hier völlig veralbert!" Befreiter Applaus brandet auf. Man muss dazu wissen, dass man an der Kölner Universität bis vor wenigen Jahren noch ein Diplomstudium der Volkswirtschaftslehre absolvieren konnte, ohne die mathematischen Modelle und Lehrsätze des Ordoliberalismus verlassen zu müssen.  

Was ist das Ergebnis dieses Abends am Krankenbett des Kapitalismus? Eine Therapie zur vollständigen Heilung sicher nicht. Aber die Diagnose zeichnet sicherlich ein differenziertes Krankheitsbild. Jetzt noch zu behaupten, der Patient wäre eigentlich kerngesund, dürfte erheblich schwieriger geworden sein.  

Wolfgang Streecks Aufsätze zum Ende des Kapitalismus, erschienen im Frühjahr 2015 in den Blättern für deutsche und internationale Politik: Teil 1 , Teil 2