Die saudische Regierung hat zwar vorgesorgt, die Verschuldung ist extrem gering, und das Königreich hat zu Boomzeiten knapp 700 Milliarden Dollar an Währungsreserven aus dem Ölgeschäft angehäuft. Doch die Ölmilliarden sind endlich. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds könnten sie bei dem anhaltenden niedrigen Ölpreis schon in fünf Jahren aufgebraucht sein. Damit das Land einen halbwegs ausgeglichenen Haushalt ohne Verschuldung aufstellen kann, müsste der Ölpreis bei mindestens 80, wenn nicht 100 Dollar das Barrel liegen. "Eine gewisse Zeit kann Saudi-Arabien sicherlich finanziell überbrücken – aber das darf nicht die langfristige Strategie sein", sagt Hergenröther. 

Eine kleine Revolution

In Riad passiert nun eine kleine Revolution. Das Königreich muss sparen – ein ungewohntes Phänomen in diesem Land. Es ist ein politisch extrem sensibles Unterfangen, schließlich sichern gerade kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung sowie die niedrigen Energiepreise die Zustimmung für das absolutistisch regierende Königshaus. Riad hat sich und der Bevölkerung bislang die niedrigsten Ölpreise der Welt gegönnt – und subventionierte sie mit so viel Geld wie keine andere Regierung.

Die absoluten Kosten für die Energiesubventionen mögen vielleicht gering sein, sie machen nach Angaben von Fitch gerade einmal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. "Aber die indirekten Kosten – also die entgangenen Einnahmen für Öl, das man auf den internationalen Märkten hätte verkaufen können, sind groß", schreibt die Ratingagentur.

Zum Jahreswechsel hat jetzt die Regierung angekündigt, in den kommenden fünf Jahren Preiserhöhungen durchzuziehen. Der Benzinpreis soll um 55 Prozent steigen, auch die Wasserpreise für Industrie und andere Großverbraucher werden steigen, ebenso die Tabaksteuer. Die Gehälter im öffentlichen Dienst – dem wichtigsten Arbeitgeber in Saudi-Arabien – sollen eingefroren werden. Auch bei Sozialleistungen wird gespart. 

Die Privatisierung will die Regierung ebenfalls vorantreiben. Sogar die Einführung einer Mehrwertsteuer – einer Selbstverständlichkeit in etablierten Industrienationen, aber bislang ein Tabu in Saudi-Arabien – erwägt das Königshaus. Erstmals will es eine Schuldenmanagement-Agentur einrichten. Vor einigen Jahren und bei Ölpreisen von rund 100 US-Dollar pro Barrel hätte das noch nach einem schlechten Witz geklungen.

Bäckereien kündigen höhere Preise an

Noch versucht die Regierung, vor allem Unternehmen stärker finanziell in die Pflicht zu nehmen und die Bevölkerung mit dem harten Sparkurs zu verschonen. Doch das wird kaum möglich sein, denn die Unternehmen geben die höheren Kosten weiter. Am Jahresanfang kündigten 1.000 Bäckereien an, die Brotpreise zu erhöhen, wie die Saudi Gazette berichtet. Auch die Limousinenfahrer verlangten für eine Fahrt nicht mehr zehn Riyal, sondern das Doppelte, umgerechnet etwa fünf Euro.

Um tiefgreifende Strukturreformen wird Saudi-Arabien nicht herumkommen. "Die Regierung hätte die Diversifizierung ihrer Wirtschaft weitaus zielstrebiger verfolgen können", sagt Hergenröther. "Andere Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate haben es immerhin geschafft, im Tourismus oder den Finanzen nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen." Die Jugendarbeitslosigkeit in Saudi-Arabien liegt bei mindestens dreißig Prozent, zudem finden viele Frauen keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt.