Verstärkt wird dies alles noch durch die von der kommunistischen Führung ausgerufene Antikorruptionsbewegung. Bedingt auch durch eine sich ausbreitende Kultur der Denunziation und des Misstrauens sind viele Kader derzeit entscheidungsunwillig. Die dadurch bedingte Verzögerung von Investitions- und Betriebsgenehmigungen und die nur stockende Umsetzung von bereits genehmigten Investitionsvorhaben entzieht der Volkswirtschaft Hunderte von Milliarden an Investitionen und drückt damit die wirtschaftliche Dynamik.

Dazu kommen tatsächliche Fehler in der staatlichen Steuerung und Regulierung der Wirtschaft. Die Kommunistische Partei hat sich bislang positioniert als Garant einer florierenden Wirtschaft und einzige Organisation, die sie im Sinne der nationalen Wohlfahrt steuern könne. Insbesondere mit dem zunächst administrativ herbeigeführten Boom an den chinesischen Aktienmärkten, der dann aber in einen dramatischen Kurzverfall einmündete, den fehlgeleiteten Eingriffen, um die Volatilität zu dämpfen, wie auch der ungeschickten Wechselkurssteuerung, sind in der Bevölkerung wie auch bei ausländischen Beobachtern erhebliche Zweifel entstanden, dass die KP die Wirtschaft noch unter Kontrolle hat, oder aber diese in einen chaotischen Zustand übergeht. Letzteres ist nicht der Fall. Der entstandene Vertrauensverlust aber hat zu einer Senkung der Konsum- wie Investitionsneigung geführt.

Dienstleistungssektor wächst stark

Betrachtet man die dargestellte Gesamtkonstellation, muss die Aufrechterhaltung einer sich zwar abschwächenden, aber immer noch auf einem Niveau von sechs bis sieben Prozent verharrenden Wachstumsdynamik als erhebliche Leistung und Ausweis inhärenter Kraft gewürdigt werden. Vor allem, wenn man die Daten im Detail betrachtet. Der Binnenkonsum hat in 2015 bereits zu zwei Dritteln des BIP beigetragen und somit die Dominanz der Investitionsakkumulation deutlich durchbrochen. Der Dienstleistungssektor weist mit gut zehn Prozent nicht nur die höchste Zuwachsrate aus, sondern stellt mittlerweile auch gut die Hälfte des gesamten Outputs der Volkswirtschaft. Das Volumen des Außenhandels schrumpft in erster Linie in genau den Bereichen, die strategisch abgebaut werden sollen – dem Lohnveredelungshandel mit geringen chinesischen Wertschöpfungsanteilen –, und weist somit darauf hin, dass der Strukturwandel hin zu einer produktiveren und innovationsaffineren Industriestruktur in vollem Gange ist.

Beachtenswert ist zudem, dass 2015 netto 13 Millionen Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen worden sind – drei Millionen mehr, als von der Regierung avisiert. Dieser Zugewinn an Arbeitsplätzen in einem Arbeitsmarkt, der von einer sinkenden Anzahl an Erwerbsfähigen geprägt ist, weist darauf hin, dass hinreichendes Aufnahmevermögen besteht, um den zwingend notwendigen Abbau von Arbeitsplätzen in jenen Industrien mit erheblichen Überkapazitäten, wie zum Beispiel Stahl, Aluminium, Zement, Solarpanelen, sozial verträglich abzufedern.

Aktuell durchläuft die chinesische Wirtschaft einen Prozess des soft landing, der sie graduell von den nicht mehr erreichbaren Wachstumsdynamiken der letzten Jahrzehnte herunterführt. Ein abruptes Abstoppen der früheren Wachstumsdynamik ist bislang vermieden worden. Und die ersichtlichen Erfolge bei der strukturellen Umgestaltung der Wirtschaft machen Hoffnung, dass dies auch in Zukunft gelingt. Als Unsicherheitsfaktor hängt über dieser Entwicklung jedoch die Stabilität des soziopolitischen Systems, das derzeit durch die Antikorruptionsbewegung und den Machtkampf zwischen zentralen und lokalen Regierungseinheiten erschüttert wird. Auf dieser Ebene scheinen derzeit keine sicheren Prognosen möglich. Eine allzu pessimistische Einschätzung scheint aber auch hier nicht angebracht.