Die Zwangsarbeit kommt nach Europa

Sie putzen Wohnungen in arabischen Ländern, verrichten die Drecksarbeit auf thailändischen Fischkuttern oder pflücken Baumwolle auf Feldern in Usbekistan: Leibeigene, Zwangsarbeiter, Sklaven. Es sind viele. Fast 36 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei, schätzt die Walk Free Foundation, die sich gegen Schuldknechtschaft, Menschenhandel und Zwangsarbeit engagiert. 

Ihr Kampf gegen die Sklaverei schien lange Zeit weit weg von Europa stattzufinden. Im jüngsten Ranking von Walk Free aus dem Jahr 2014 tauchen die Industriestaaten erst am Ende der Liste auf; Deutschland zum Beispiel landet mit geschätzt 10.500 in Sklaverei lebenden Menschen, umgerechnet 0,013 Prozent der Bevölkerung, auf Platz 147 von 167. Zum Vergleich: Platz eins hält Mauretanien, ein Land in dem Sklaverei erblich ist und vier Prozent der Bevölkerung, 155.600 Menschen, in Unfreiheit leben.

Doch das Problem rückt näher. Beobachten lässt sich das beispielsweise in der Türkei, wo eine wachsende Zahl von syrischen Flüchtlingen zu ausbeuterischen Bedingungen arbeitet, unter ihnen auch Kinder. Viele haben keine offizielle Arbeitserlaubnis, müssen aber dennoch Geld verdienen, um ihre Familie zu ernähren. Sie sind besonders anfällig für Ausbeutung. In der Türkei arbeiten die Migranten vor allem in Textilbetrieben und auf Obstfarmen – zu Löhnen, die bis zu 40 Prozent unter denen der Einheimischen liegen. Weil die Eltern so wenig bekommen, müssen oft auch die Kinder Geld verdienen, statt zur Schule zu gehen.

In ihrer Not sind die Flüchtlinge der Willkür ihres Arbeitgebers ausgeliefert. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Zwangsarbeit.

21 Millionen Zwangsarbeiter, 150 Milliarden Dollar Profit

Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO schätzt, dass weltweit 21 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten, die übergroße Mehrheit von ihnen in privaten Unternehmen. Jahr für Jahr erwirtschafteten sie 150 Milliarden Dollar Profit. 

Die Gefahr ist groß, dass solche unfreien Arbeitsverhältnisse sich in Europa weiter ausbreiten, wie die britische Risikoanalysefirma Europas Verisk Maplecroft in einem aktuellen Menschenrechtsreport schreibt. Die Flüchtlingskrise sei "der wichtigste neue aufkommende Treiber für Vorkommnisse von Zwangsarbeit in der Region." Es liege an den Regierungen, den Status von Migranten im Aufnahmeland möglichst schnell zu klären, damit diese nicht in informelle Arbeitsverhältnisse gedrängt würden, sagt Alex Channer, die Hauptautorin des Reports. "Aber die Krise ist so groß, sie bringt alle Staaten an ihre Grenzen. Das Thema wird uns wohl noch das ganze Jahr über begleiten."

Das Geschäft von Verisk Maplecroft ist es, unternehmerische Risiken zu beschreiben. Für Channer sind Kinder- und Zwangsarbeit deshalb nicht nur ein ethisches Problem, sondern eine Gefahr fürs Geschäft jener europäischen Firmen, die Ausbeutung unter ihren Lieferanten dulden. "Für die Reputation der Unternehmen ist es eine große Herausforderung, damit richtig umzugehen."

Dass Menschenrechtsprobleme in einer Welt der durchlässigen Grenzen nach Europa kommen, ist eine Sache – dass die Konzerne Menschenrechtsverletzungen anderswo nicht mehr ignorieren können, kommt noch hinzu. Die Lieferketten der Unternehmen sind vielgliedrig und fein verästelt. Viele Firmen wissen zwar über die Arbeits- und Produktionsbedingungen bei ihren direkten Zuliefern einigermaßen Bescheid. Bisher aber kümmern sie sich kaum darum, was weiter unten in der Kette passiert.

Firmen müssen ihre Lieferketten überwachen

Damit werden sie künftig nicht mehr durchkommen, sagt Channer. Die Öffentlichkeit werde kritischer, und in manchen Branchen, etwa dem Bergbau, sei lückenlose Transparenz entlang der Lieferketten mehr und mehr gesetzlich vorgeschrieben. Dadurch wachse der Druck auf die Unternehmen. "Man erwartet Rechenschaft über die Verhältnisse entlang der Kette bis zur Quelle. Die Unternehmen sind dafür verantwortlich", sagt Channer – zum Beispiel in der Elektronik- und Automobilindustrie. Die braucht große Mengen von Zinn, Wolfram und Tantal, doch in den Hauptexportländern sind Kinder- und Zwangsarbeit Verisk Maplecroft zufolge gang und gäbe.

Vielen Unternehmen sei das noch nicht bewusst, sagt Channer. "Aber es reicht nicht mehr, zu sagen, ich habe von den Menschenrechtsverletzungen am Anfang meiner Lieferkette nichts gewusst." Die Folgen könnten eine Firma ernsthaft bedrohen: "Der Wert der Marke wird beschädigt, die Konsumenten kaufen nicht mehr, und Investoren mit Fokus auf ethischer Geldanlage könnten ihr Kapital abziehen."

Sich dagegen abzusichern, scheint auf den ersten Blick gar nicht schwer. Besonders wichtig sei, dass die Betriebe keine dubiosen Vermittler mit der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte beauftragen, sagt Channer, denn deren Wucherprovisionen führten oft direkt in die Zwangsarbeit. Die Lieferketten könnten mit Hilfe von besonders wichtigen Zulieferern, die Schlüsselpositionen im internationalen Netz des Handels einnehmen, etwas leichter überwacht werden. Und die Arbeitnehmer könne man auf vielfältige Art vor Ausbeutung schützen: Indem man Löhne zahlt, von denen sich leben lässt. Indem man die Mitarbeiter über ihre Rechte aufklärt, sie in die Lage versetzt, sich zu wehren, und Gewerkschaften erlaubt. Indem man nicht nur Audits per Stichprobe zulässt, sondern eine ständige Kontrolle der Arbeitsverhältnisse ermöglicht, etwa per Smartphone.

"Ein Prozess, der nie endet"

In der Praxis kann das allerdings kompliziert werden. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen sich in ein Konfliktgebiet begibt, um dort Bodenschätze abzubauen – oder schlicht in Ländern investiert, in denen es die Regierenden selbst mit den Rechten der Arbeitnehmer nicht so genau nehmen.

Für Alex Channer ist das kein Grund, die Konzerne aus ihrer Verantwortung zu entlassen. "Sie brauchen dann erst recht eine sehr gute Menschenrechtspolitik, maßgeschneidert gewissermaßen. Sie müssen die Folgen ihres Handelns – zum Beispiel für die Dörfer in der Nachbarschaft, oder auf die Landrechte der Anwohner – ganz genau kennen. Sie müssen sich mit den Nachbarn, Nichtregierungsorganisationen und Fachleuten beraten, und darauf aufbauend dafür sorgen, dass die Menschenrechte gewahrt bleiben. Sie müssen alles offen legen – und vor allem sich bewusst sein, dass dieser Prozess niemals endet."

Im Moment scheinen nicht allzu viele Unternehmen bereit, sich darauf einzulassen. Darauf deutet ein anderer Bericht hin, den die Organisation Facing Finance gerade veröffentlicht hat. In Dirty Profits beschreibt Facing Finance zig Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung und Umweltzerstörung weltweit, die von 20 global agierenden Konzernen zu verantworten seien. Benannt werden unter anderem ExxonMobil, Zara, Nestlé, HeidelbergCement und Sanofi, daneben Finanzdienstleister wie die Deutsche Bank und die Allianz.

Facing Finance konzentriert sich auf die Kritik an der Finanzwelt. Die aber sei bisher kaum bereit, sich auf die Einhaltung von Mindeststandards zu verpflichten. Von sechs untersuchten Banken habe sich beispielsweise keine einzige Richtlinien zur Vermeidung von Zwangsarbeit bei Geschäftspartnern gegeben. Die Organisation fordert: Die Unternehmen, und zwar nicht nur die großen, börsennotierten Konzerne, müssten per Gesetz noch stärker verpflichtet werden, die Folgen des eigenen Handelns auf Menschenrechte und Umwelt offenzulegen.