Eine Toilette für jeden – Seite 1

Bislang galt es in unserer Gesellschaft nicht als die feine Art, über menschliche Ausscheidungen und Toiletten zu sprechen. Doch das ändert sich gerade. Seit einiger Zeit ist das Thema in der Öffentlichkeit sehr präsent: Matt Damon schüttet sich Toilettenwasser über den Kopf, Bill Gates ruft einen Wettbewerb zur Neuerfindung der Toilette aus, zahlreiche TED-Vorträge beschäftigen sich mit Fragen der Hygiene, und – das ist die neueste Entwicklung – wohin man blickt, finden sich Debattenbeiträge zum Thema Menstruation.

In den USA gibt es Kampagnen dafür, dass Tampons und Binden nicht mehr mit einer Luxussteuer belegt werden sollen wie bisher, unterstützt von keinem anderen als Barack Obama. Frauen sind nicht länger bereit, sich für Anzeichen ihrer Regel zu schämen. Die neue Diskussion über unsere natürlichen Körperfunktionen bricht Tabus und schafft die Voraussetzungen dafür, dass sich die Lebenssituation von Menschen in aller Welt verbessern kann, insbesondere von Frauen und Mädchen.

Es ist auch höchste Zeit dafür. Die Kombination aus schlechter Sanitärversorgung, schmutzigem Wasser und unzureichender Hygiene lässt Tag für Tag 800 Kinder im Alter von unter fünf Jahren an Krankheiten wie Diarrhö und Cholera sterben. Das ist ein unentschuldbarer Zustand in einer Zeit, in der wir die Ursachen solcher Krankheiten genauestens kennen und verstehen. Schon im Jahr 2007 veröffentlichte das British Medical Journal die Ergebnisse einer Studie, die zeigt: Toiletten sind nach Ansicht von Ärzten der bedeutendsten Fortschritt der letzten 200 Jahre für die öffentliche Gesundheitsvorsorge – haben sie doch Krankheiten wie Cholera praktisch eliminiert und das Auftreten von Diarrhö immens reduziert.

Die Vereinten Nationen sind sich einig, dass der Weg zu einer stabileren und gerechteren Welt über eine bessere Sanitärversorgung, sauberes Wasser und Hygiene führt. Deshalb fordern sie in ihren Nachhaltigkeitszielen, dass alle Menschen bis zum Jahr 2030 damit versorgt werden sollen.

Ziel Nummer sechs fasst es genauer: Jeder Mensch ohne Ausnahme soll zu Hause, in der Schule oder an seinem Arbeitsplatz Zugang zu einer Toilette haben. In Deutschland mag es nur schwer vorstellbar sein, dass dies nicht bereits für alle gegeben ist – aber sogar hier gibt es Menschen, die Schwierigkeiten haben, bei Bedarf eine für sie zugängliche Toilette zu finden. Selbst mitten in Berlin gibt es zum Beispiel nur wenige Toiletten, die von Obdachlosen genutzt werden können. Wer auf der Straße lebt, ist auf die Hilfsbereitschaft von Restaurant- oder Cafébesitzern angewiesen – oder auf die Straße selbst.

Menschen mit körperlichen Behinderungen, chronischen Gesundheitsproblemen oder schlicht ältere Menschen ziehen es oft vor, zu Hause zu bleiben, weil sie nicht riskieren möchten, keine Toiletten zu finden, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Spätestens diese Aspekte machen die Nachhaltigkeitsziele und die dringend erforderliche staatliche Intervention für jedes Land dieser Welt relevant.

Gibt es keine Klos, fehlen die Mädchen im Unterricht

In Entwicklungsländern hingegen ist das Problem fehlender Toiletten und eines mangelhaften Zugangs zu sauberem Wasser noch weitaus verbreiteter. In Indien verrichten nahezu 50 Prozent der Bevölkerung ihre Notdurft im Freien, ohne jegliche Form von Latrine. In Subsahara-Afrika haben gerade einmal 30 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einer sicheren Toilette innerhalb ihres Hauses.

Bei der Versorgung mit sauberem Trinkwasser sieht es besser aus. Aber immer noch gibt es zahllose Menschen weltweit, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben oder sich dieses nicht leisten können. Gesundheit und Würde dieser Menschen werden auf diese Weise zerstört – ihre Zeit und Produktivität vergeudet. Eine gute Sanitärversorgung indes fördert auch eine bessere Bildung, insbesondere im Falle von Mädchen, die bei unzureichenden Sanitäranlagen meist noch öfter im Unterricht fehlen.

Die Kluft zwischen denen, die alles, und denen, die nichts haben, ist groß – ganz besonders wenn es um die sanitären Verhältnisse geht. Wie lässt sich das ändern?

Die Nachhaltigkeitsziele sind ambitioniert. Um sie zu erreichen, müssen künftig Menschen kooperieren, die zuvor an verschiedenen Seiten des Tisches saßen: Regierungen, Zivilgesellschaft, Unternehmen, Technik- und Finanzexperten. Nur so lässt sich eine hygienische Wasser- und Abwasserversorgung für alle Menschen weltweit verwirklichen.

Um zu sehen, was genau dafür getan werden muss, haben sich die verantwortlichen Minister aus 40 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost gerade in Addis Abeba getroffen, organisiert von der Partnerschaftsinitiative Sanitation and Water for All (SWA). Jedes Land ist selbst dafür verantwortlich, das Nachhaltigkeitsziel zu erreichen. Das heißt, jedes Land braucht seinen eigenen Fahrplan: seine eigene Strategie, seine eigenen Finanzierungspläne. Nötig sind auch transparente Überwachungsprozesse. Sie müssen sicherstellen, dass Menschen, die kaum etwas haben, auf die Hilfe zugreifen können, die es ihnen ermöglicht, sich selbst aus der Armut zu befreien.

Zugleich ist die Verwirklichung eines universellen Zugangs zu Sanitärversorgung, sauberem Wasser und Hygiene eine globale Aufgabe. Deutschland hat es sich zur Aufgabe gemacht, Entwicklungsländer dabei stark zu unterstützen.