Wie groß ist das Risiko einer schmutzigen Bombe wirklich?

Vor allem die USA warnen seit Langem vor der Möglichkeit, der "Islamische Staat" könne versuchen, eine sogenannte schmutzige Bombe zu bauen. Das nötige Know-how sei leicht zu erlangen, sagt Laura Holgate vom Nationalen US-Sicherheitsrat, der Transport einfach zu bewerkstelligen. Lediglich der Zugang zu radioaktivem Material sei noch schwierig für die Terroristen.

Allerdings wäre für eine schmutzige Bombe vermutlich Material aus Krankenhäusern oder Forschungseinrichtungen besser geeignet als die enorm großen Brennstäbe aus den Kraftwerken. "Die kleinen Mengen, die man bräuchte, findet man eher nicht in AKWs", sagt die Grüne Sylvia Kotting-Uhl. Flapsig gesagt: Brennstäbe sind schlicht zu groß und zu schwer zu handhaben.

Vermutlich ist radioaktives Material für den IS im Ausland zudem leichter zu besorgen als in Europa – zum Beispiel in Kriegsgebieten wie dem Irak. Unterstützer oder Kämpfer des IS hätten bereits rund 40 Kilogramm schwach angereichertes Uran aus der Universität von Mossul gestohlen, sagt Wolfgang Rudischhauser, Direktor des Nichtverbreitungszentrums für Massenvernichtungswaffen der Nato. "Wegen seiner begrenzten Giftigkeit kann dieses Material zwar eher genutzt werden, um Panik zu verbreiten, als um ernsthafte körperliche Schäden zu verursachen. Dennoch ist es nicht ohne Risiko."

Könnten Terroristen im Kraftwerk einen GAU verursachen?

Den meisten Experten scheint ein anderes Risiko größer als die Gefahr, dass Brennstoff aus Kraftwerken gestohlen wird: Ein sogenannter Innentäter könnte das Kraftwerk manipulieren und einen atomaren Unfall verursachen.

Ein Fall aus dem Jahr 2014 zeige, wie leicht Manipulationen möglich seien, sagt Greenpeace-Atomexperte Smital. Damals ließ im belgischen Kraftwerk Doel jemand große Mengen Öl aus einer Turbine. Die lief heiß, das AKW fuhr herunter. "Damals wurde nicht nur die Turbine manipuliert, sondern auch die Signale zum Leitstand", sagt Smital. Bis heute sind die Hintergründe des Falles nicht geklärt.

Doch nicht jeder Ölverlust führt schon zu einem GAU. Die großen Fragen sind: Wie leicht fiele es Terroristen, im sicherheitsrelevanten Bereich eines Kraftwerks Unheil anzurichten? Was genau müssten sie dafür tun? Klare Antworten darauf gibt es naturgemäß nicht. "Solche Informationen können nicht öffentlich sein, denn sie sind sicherheitsrelevant", sagt ein Sprecher der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln.

Drei Dinge müssen gewährleistet sein, damit ein Kraftwerk sicher bleibt, sagen Experten – selbst nach Unfällen oder wenn ein Mitarbeiter den falschen Knopf drückt, ob versehentlich oder absichtlich: Die Notabschaltung muss funktionieren, es muss immer ausreichend Kühlwasser vorhanden sein – denn selbst ein abgeschalteter Reaktorkern produziert noch enorme Hitze – und die Stromkreisläufe müssen immer funktionieren.

Gäbe jemand im Leitstand eines Kraftwerks einen bedrohlichen Befehl ein, nähme das Betriebssystem das Kommando sehr wahrscheinlich gar nicht an, heißt es bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln. Stromleitungen und Kühlungskreisläufe seien immer mehrfach redundant und meist auch räumlich getrennt. "Ein Terrorist müsste sehr viel kaputt machen, an sehr vielen Stellen", sagt ein Experte. "Er müsste zum Beispiel die Stromleitung von außen unterbrechen, die Transformatoren zerstören und die Notstromaggregate. Das ist nicht trivial."

Möglicherweise wäre ein Hackerangriff viel eher als mechanische Gewalt geeignet, das zu schaffen. Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. "Ich vermute, dass die Behörden Maßnahmen treffen, um die Kraftwerke dagegen zu schützen", sagt Grünen-Atomexpertin Kotting-Uhl. "Aber Genaues darüber erfahren selbst wir Abgeordneten nicht."

Und was, wenn ein Flugzeug auf den Reaktor stürzt? Selbst das löse nicht zwangsläufig einen atomaren Unfall aus, sagt Kotting-Uhl. "Dafür müsste der Pilot schon genau die richtige Stelle treffen." Das sei nicht so einfach.