ZEIT ONLINE: Herr Scheele, 2015 kamen rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Bald werden viele von ihnen einen Job suchen. Verkraftet der Arbeitsmarkt das?

Detlef Scheele: Auf jeden Fall. Wir gehen davon aus, dass rund 350.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter bis Jahresende dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen – gleichzeitig entstanden 2015 insgesamt 700.000 neue Arbeitsplätze. Die wahre Herausforderung ist es, die Flüchtlinge möglichst schnell in die Lage zu versetzen, auch Arbeit zu finden. Das ist eine Aufgabe, vor der wir in diesem Land so noch nie gestanden haben. Aber wir haben einen Plan und können das schaffen. Es braucht nur Zeit.

ZEIT ONLINE: Ein Großteil der Flüchtlinge ist gering bis gar nicht qualifiziert. Viele können kaum lesen und schreiben. Droht da nicht Verdrängungswettbewerb im Niedriglohnsektor, wo die Jobs sowieso knapp sind?

Detlef Scheele ist ein deutscher Politiker (SPD). Von 2008 bis 2009 war er beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Von März 2011 bis Oktober 2015 war er Hamburger Senator für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Am 15. Oktober 2015 wurde er Vorstandsmitglied bei der Bundesagentur für Arbeit. © dpa

Scheele: Ich sehe keine Gefahr, dass einheimische Arbeitskräfte und Flüchtlinge in direkte Konkurrenz treten. Dazu sind die Voraussetzungen bei Sprache und Qualifikation zu verschieden. Anders kann es in einzelnen Branchen wie im Bereich Gaststätten oder Logistik aussehen, wo verstärkt Migranten mit Migranten um Jobs konkurrieren können. Doch diesen Wettbewerb können wir vermeiden. Wir müssen verhindern, dass die Flüchtlinge immer nur Hilfskräfte bleiben. Arbeit muss mit Weiterbildung verbunden werden. Wir bieten seit Kurzem Sprachkurse in Kombination mit Berufsbildung an – 40.000 Plätze sind bereits ausgeschrieben.

ZEIT ONLINE: Bräuchten wir dafür nicht ein eigenes Eingliederungsprogramm für Flüchtlinge?

Scheele: Nein. Denn Flüchtlinge brauchen abgesehen von Sprachkursen nichts anderes als andere Arbeitssuchende. Flüchtlinge sollen die gleichen Weiterbildungen besuchen wie Einheimische.

Wir haben alle nötigen Instrumente, um diese Menschen zu unterstützen, in Arbeit zu kommen und können auch die Arbeitgeber unterstützen: Wenn sie jemanden einstellen, finanzieren wir bei entsprechendem Bedarf die notwendigen Qualifizierungsmaßnahmen während der Beschäftigung und erstatten den Arbeitgebern die Ausfallzeiten während der Weiterbildung. Und wenn jemand anfangs im neuen Job weniger leisten kann, dann helfen wir mit einem Eingliederungszuschuss. Das alles zahlt die BA nicht nur für Flüchtlinge, sondern unter anderem auch für Langzeitarbeitslose.

ZEIT ONLINE: Das alles kostet viel Geld.

Scheele: Aber die Ausgaben lohnen sich! 70 Prozent der Flüchtlinge sind unter 35 Jahren alt. Es wäre töricht, nicht in ihre Ausbildung zu investieren. Es wird einige Jahre dauern, bis sie zu ausgebildeten Arbeitskräften werden. Aber wir haben die Zeit und das Geld dafür. Auch, weil der Arbeitsmarkt sehr gut dasteht.

Die Menschen sind nach Deutschland gekommen, weil sie vor Krieg geflohen sind. Sie sind keine Arbeitsmigranten. Aber wir können ihnen und uns ermöglichen, die mitgebrachten Fertigkeiten hier für sich und die Gesellschaft einzusetzen und auszubauen.
Detlef Scheele

ZEIT ONLINE: Nicht alle Flüchtlinge kommen ohne berufliche Qualifikationen. Wie kann sichergestellt werden, dass Abschlüsse hier auch anerkannt und genutzt werden?

Scheele: Wir stehen hier vor einem ganz neuen Problem: Viele Flüchtlinge geben an, ausgebildet zu sein oder studiert zu haben, aber nur die wenigsten haben Zeugnisse und Zertifikate auf der Flucht mitgenommen. Auch gibt es in den Herkunftsländern meist kein vergleichbares System der Berufsausbildung, zum Beispiel im Handwerk. Einer sagt, er habe Autos repariert, hat aber kein Zeugnis. Also müssen wir ein Verfahren entwickeln, um zu prüfen, ob er wirklich Autos repariert hat und auf welchem Stand. Wir erarbeiten solche Testverfahren gemeinsam mit den Kammern. Im Spätherbst sollen sie für die ersten Berufsfelder fertig sein.

ZEIT ONLINE: Können die Flüchtlinge helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland auszugleichen?

Scheele: Das glaube ich nicht. Die Menschen sind nach Deutschland gekommen, weil sie vor Krieg geflohen sind. Sie sind keine Arbeitsmigranten. Aber wir können ihnen und uns ermöglichen, die mitgebrachten Fertigkeiten hier für sich und die Gesellschaft einzusetzen und auszubauen. Die Grundvoraussetzung dafür sind Sprachkurse. Dann folgen die Erfassung und eventuelle Anerkennung von mitgebrachten Abschlüssen und Fertigkeiten oder eine Ausbildung. Es sollen eben nicht alle Hilfsarbeiter bleiben, sondern nach und nach aufsteigen können.

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