Auf den ersten Blick ähnelt sich die Lage: In beiden Ländern fahren Busse und Bahnen nicht, sind viele Flüge abgesagt. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wird diese Woche gestreikt. Doch welch ein Unterschied in den Forderungen, der Protestkultur und den Aussichten! In Deutschland sind die Streiks Teil einer ausgeklüngelten Verhandlungsstrategie der Gewerkschaft ver.di um ein paar mehr Gehaltspunkte hinter dem Komma. In Frankreich dagegen geht es ums Ganze: Die Regierung soll ihr neues Arbeitsgesetz zurückziehen, in die Knie gezwungen werden, ihre politische Linie ändern. Schon jetzt kennt man den Ausgang: In Deutschland werden sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nach langen Verhandlungen einigen, in Frankreich aber wird es knallen – meist mit dem Ergebnis, dass die Reformen zurechtgestutzt werden und sich wenig ändert.

Seit vielen Jahren geht das nun schon so und zwar offensichtlich zum Vorteil Deutschlands. Hierzulande herrscht nach vielen bitteren Pillen und Kompromissen für die Gewerkschaften fast Vollbeschäftigung. In Frankreich haben die Gewerkschaften dagegen auf der Straße noch keinen großen Kampf verloren. Aber das Land leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit. Aus Deutschland schallt es deshalb oft genug nach Frankreich: Nun macht endlich Kompromisse und Reformen, dann wird's schon!

Doch der deutsche Ruf stößt auf ein sehr begrenztes Echo. Laut sämtlichen Umfragen werden die Proteste gegen das neue Arbeitsgesetz, das Entlassungen erleichtern soll, von einer großen Mehrheit der Franzosen unterstützt.

Die Radikalen setzen sich durch

Um diese Protesthaltung zu verstehen, müssen die Deutschen tief in die französische Geschichte blicken. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Arbeiterbewegung in beiden Ländern anders gepolt. Bei uns brach ihr der Nationalsozialismus den Rücken, die wenigen überlebenden Kommunisten zogen in den Osten, während die Gewerkschaften im Westen mit der Mitbestimmung in den Betrieben einen kooperativen Neuanfang wagten. Damals aber stand in Frankreich die Arbeiterbewegung auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Kommunisten und Gewerkschafter hatten die Resistance zum Sieg über die Nazis geführt. Das verschaffte ihnen über Jahrzehnte hohes Ansehen. Sie trugen wesentlich zur Gründung von Staatsmonopolen wie SNCF (Eisenbahn) und EDF (Elektrizität) bei, die bis heute Hochburgen der radikalen, ex-kommunistischen CGT-Gewerkschaft bleiben.

Eben diese CGT, einst Basis der Resistance, ist nach wie vor stärkste Gewerkschaft in Frankreich und führt Streiks und Proteste in dieser Woche an. Ihr 51. Kongress vergangene Woche in Marseille bekräftigte sogar noch die radikale nationale Protestpolitik, während eher pragmatische Betriebsgewerkschaftler, die es in der CGT auch gibt, an Einfluss verloren. Nun trifft sich CGT-Chef Philippe Martinez, ein ehemaliger Renault-Arbeiter, an diesem Donnerstag mit Delegierten der antikapitalistischen Jugendprotestbewegung Nuit debout, die seit dem 31. März den Platz der Republik in Paris besetzt hält, um gemeinsame Aktionen zu planen. Dabei ist auf beiden Seiten viel von Generalstreik die Rede. Als wolle und könne man das ganze Land außer Betrieb setzen.

Frankreich - Neue Bewegung demonstriert jede Nacht Jede Nacht besetzen Tausende Aktivisten die Place de la République in Paris. Was steckt hinter der Bewegung Nuit debout?