In der öffentlichen Debatte spielte die Griechenlandkrise zuletzt eher eine Nebenrolle. Die drohende Staatspleite schien abgewendet, in Athen gibt es eine mehr oder weniger stabile Regierung und der schillernde frühere Finanzminister Yanis Varoufakis verdient als Vortragsreisender sein Geld.

Doch nun hat WikiLeaks den Mitschnitt eines Telefongesprächs veröffentlicht, das angeblich hochrangige Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlicht haben sollen. In diesem Gespräch machen die Mitarbeiter – darunter der für seine harte Linie bekannte IWF-Europachef Poul Thomsen – deutlich, was sie von den Fortschritten bei der Sanierung des Landes halten: überhaupt nichts. Wenn die Europäer den Griechen nicht einen Teil ihrer Schulden erließen, könne sich der Fonds aus dem Hilfsprogramm zurückziehen.

Das wäre vor allem für Angela Merkel ein Desaster. Denn die deutsche Kanzlerin steckt in einem Dilemma: Sie hat sich dafür eingesetzt, dass der IWF sich an der Rettung beteiligt und für die Unionsfraktion im Bundestag war dies die Voraussetzung für eine Zustimmung zu neuen Milliardenhilfen. Zieht sich der Währungsfonds womöglich noch unter Protest zurück, würde es für Merkel sehr schwer, im Parlament Unterstützer für ihren Kurs zu finden. Anderseits haben Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble einen Schuldenschnitt für Griechenland mehrfach und explizit ausgeschlossen und die AfD wird die beiden mit Sicherheit bei jeder Gelegenheit an dieses Versprechen erinnern.

Die Glaubwürdigkeit des IWF steht auf dem Spiel

Für den Fonds geht es letztlich um die eigene Glaubwürdigkeit. Seine Regeln schreiben vor, dass Kredite nur an Länder vergeben werden dürfen, die diese auch zurückzahlen können. Aus Sicht der Falken in der Washingtoner Institution – dazu gehören unter anderem die Vertreter einiger Schwellenländer, denen wenig Gnade zuteil wurde, als sie in ähnlichen Schwierigkeiten strecken wie Griechenland heute – wurden die Regeln bereits gedehnt, als sich der Fonds an den ersten beiden Rettungspaketen beteiligte und irgendwann sei das Maß einfach voll.

Ein Schuldenschnitt würde die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen wiederherstellen, doch die Kosten tragen die Europäer. Sie müssten auf die Rückzahlung von Krediten verzichten – und damit zugeben, dass sie entweder die Lage in Griechenland vollkommen falsch eingeschätzt oder ihren Wählern nicht die ganze Wahrheit erzählt haben. Und sie fürchten, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, auf Griechenland Druck auszuüben, wenn die Schulden erst einmal erlassen sind.

Bleiben die Griechen selbst. Sie könnten das Problem entschärfen, wenn sie ihre Staatsausgaben noch weiter zusammenkürzen und das eingesparte Geld in den Schuldendienst stecken. Doch dazu sind sie nicht bereit – und wahrscheinlich kann man es dem von multiplen Krisen erschütterten Land wohl derzeit auch nicht zumuten. Doch irgendjemand wird sich bewegen müssen, sonst stimmen die Zahlen nicht.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass sich am Ende alle bewegen. Europachef Thomsen ist ein hochrangiger Mitarbeiter des Währungsfonds, aber er trifft nicht die Entscheidungen. Das tun die Vertreter der Mitgliedsländer und es ist unwahrscheinlich, dass die Weltgemeinschaft ein Interesse daran hat, die Schuldenkrise wieder eskalieren zu lassen.

Merkel wiederum hat bereits signalisiert, dass sie Schuldenerleichterungen unterhalb eines expliziten Schuldenschnitts zustimmen würde. Denkbar sind etwa niedrigeren Kreditzinsen oder einer Streckung der Rückzahlungsfristen. Es gibt auch noch andere Stellschrauben. Wenn die Gläubiger beispielsweise überdies noch einigermaßen solide Wachstumsraten für die griechische Wirtschaft unterstellen, könnte zumindest auf dem Papier die Schuldentragfähigkeit wahrscheinlich wiederhergestellt werden. Und wie immer wird man sich erst in letzter Minute einigen, damit alle Beteiligten von sich sagen können, dass sie auch wirklich bis zuletzt gekämpft haben.

Ist Griechenland damit gerettet? Nein. Das Land wird seine Schulden nicht zurückzahlen können. Man wird sie entweder streichen oder den Rückzahlungstermin so weit in die Zukunft verlegen müssen, dass es letztlich auf dasselbe hinausläuft. Irgendwann wird sich das nicht mehr verheimlichen lassen – aber vielleicht hat Europa dann ja nicht auch noch zeitgleich eine Flüchtlings- und eine Britenkrise zu bewältigen. Das zumindest dürfte das Kalkül in Brüssel und Berlin sein.