ZEIT ONLINE: Herr Stiglitz, wussten die Regierungen von Steuerparadiesen wie Panama?

Joseph Stiglitz: Klar wussten sie das. Vielleicht nicht unbedingt, dass der britische Premierminister David Cameron dort mal Geld hatte. Aber sie wussten, dass es Orte mit solchen Möglichkeiten gibt. Es gibt Studien über die Menge von verschwundenem Geld, die in Offshore-Ländern liegt. Wir leben jetzt allerdings in einer Welt, in der durch die massiven Datenleaks alle davon erfahren können.

ZEIT ONLINE: Zeigt Panama, dass wir die Globalisierung übertrieben haben?

Stiglitz: Nein. Solche Steuerparadiese haben nichts mit Globalisierung zu tun, sondern mit Korruption. Solche Phänomene zeigen aber, dass Globalisierung immer auch eine Mischung aus simpler Ideologie und offener Korruption war. Viele Leute glaubten daran, dass unbegrenzte Mobilität und unbegrenzte Märkte einfach gut sind. Gute Ökonomen haben das nie getan, sie wussten immer, dass Märkte nicht perfekt sind. Und dann gab es die, die einfach ihre Profite vergrößern wollten – egal wie. Die haben sich den Teil aus der Globalisierungsgeschichte rausgesucht, der ihnen nutzt. Die Banken waren für freie Märkte, solange sie einen Vorteil davon hatten. Dann kam die Finanzkrise und sie fanden plötzlich massive Staatshilfen gut. Die sind einfach sehr anpassungsfähig.

ZEIT ONLINE: Wer ist dafür verantwortlich, dass Geld so leicht in Ländern mit Briefkastenfirmen versteckt werden kann?

Stiglitz: So etwas wurde aus einem Grund ermöglicht: Um Steuern zu hinterziehen und Gesetze zu umgehen. Nur welcher klar denkende Mensch würde ein Steuersystem schaffen und zugleich den Reichen ermöglichen, ihr Geld ins Ausland zu schaffen, um keine Steuern zahlen zu müssen? So was tun doch nur Regierungen, die von den Reichen gesteuert werden.

ZEIT ONLINE: Könnten Regierungen die Schlupflöcher einfach schließen, wenn sie nur wollten?

Stiglitz: Klar. Interessanterweise sagen inzwischen ja sogar einige der Steuerparadiese, dass sie keine mehr sein wollen. Weil sie kein korruptes Geld mehr verstecken wollen. Weil die Nachteile überwiegen. Die Schweiz gehört wohl dazu, das hoffe ich jedenfalls. Panama noch nicht.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es für sinnvoll, dass Kapital trotzdem weiter so frei von einem Land in ein anderes fließen kann?

Stiglitz: Ja, man muss allerdings klar unterscheiden, um welche Art von Kapital es sich handelt. Kurzfristige Spekulation kann Länder destabilisieren, da sind Kapitalverkehrskontrollen sinnvoll. Denn solche Phänomene sorgen ja dafür, dass Globalisierung einen schlechten Ruf hat. Und sie machen das Leben von denen schwerer, die wirklich seriös in anderen Ländern investieren wollen.

ZEIT ONLINE: Immer mehr Bürger fragen sich inzwischen, ob wir durch Handelsabkommen nicht zu viele Regeln schleifen und zu viele Grenzen öffnen. Zu Recht?

Stiglitz: Grundsätzlich führt Handel zu mehr Wirtschaftswachstum. Aber er verändert die Verteilung in einem Land. Inzwischen zeigt sich, dass die Wachstumseffekte von Freihandel vergleichsweise klein, die Verteilungswirkungen aber sehr groß sind. In den Industrieländern schadet das den Ärmsten. Leider war die Politik der Regierungen hier bisher nicht hilfreich.