Für die Briten würde sich ein Austritt aus der Europäischen Union wie eine massive Steuererhöhung auswirken. Das geht aus Berechnungen hervor, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rund zwei Monate vor dem britischen Referendum über einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union vorgestellt hat.

Bei einem Brexit wäre die britische Wirtschaftskraft im Jahr 2020 um über drei Prozent niedriger als bei einem Verbleib in der EU, heißt es in der Studie. Das würde für jeden Briten einen Verlust von 2.200 Pfund ausmachen (2.840 Euro). Im Jahr 2030 könnte jeder britische Haushalt im schlimmsten Fall sogar jährlich mit bis zu 5.000 Pfund (rund 6.500 Euro) belastet werden. "Ein Brexit ist wie eine Steuer", hatte OECD-Generalsekretär Ángel Gurría der BBC vor der offiziellen Veröffentlichung des Berichts gesagt.

Mitte April hatte bereits der britische Finanzminister George Osborne eindringlich vor einem Brexit gewarnt. In diesem Fall wäre Großbritannien "auf Dauer ärmer", sagte Osborne. Sein Ministerium hat ähnliche Zahlen wie die OECD errechnet. Ein EU-Austritt würde demnach jeden Haushalt auf der Insel jährlich 4.300 Pfund (5.400 Euro) kosten.

"Schwerer Schock für die Wirtschaft"

Das Bruttoinlandsprodukt läge 2030 um sechs Prozent niedriger als im Falle eines Verbleibs in der EU, hieß es in der OECD-Studie weiter. Ein Brexit wäre "ein schwerer negativer Schock" für die britische Wirtschaft mit Folgen für Europa und die anderen OECD-Staaten. So wäre die Wirtschaftskraft Großbritanniens im Jahr 2020 um rund drei Prozent geringer als bei einem Verbleib in der EU. 2030 würde diese Kluft auf über fünf Prozent anwachsen, heißt es in der Studie. Bereits die Unsicherheit über den Ausgang des Referendums Ende Juni habe zu einer Schwäche des britischen Wirtschaftswachstums geführt. 

Das nationale britische Statistikamt bestätigte dies: Demnach schwächte sich das Wachstum seit Jahresbeginn deutlich ab. Im ersten Quartal 2016 wuchs die Wirtschaft lediglich um 0,4 Prozent – im letzten Quartal 2015 lag die Quote noch bei 0,6 Prozent.

Brexit-Befürworter bezeichneten die OECD-Prognose als "fadenscheinig" und Angstmache. Ihr Argument: Ein Brexit brächte London Souveränität zurück und würde das Land von Milliarden-Zahlungen an Brüssel sowie von lähmenden EU-Reglementierungen befreien.

IWF und OECD warnen vor Brexit

Die OECD ist jedoch nur die bislang letzte in einer ganzen Reihe internationaler Institutionen, die zuletzt vor einem Brexit warnten. Kürzlich hatte auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor einem Austritt aus der Union gewarnt. US-Präsident Barack Obama plädierte bei seinem jüngsten London-Besuch ebenfalls eindringlich für einen Verbleib in der Gemeinschaft.

Die Briten sind am 23. Juni aufgerufen, sich für oder gegen einen Verbleib ihres Landes in der EU auszusprechen. Bislang zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gegnern und Befürwortern ab. Fünf Prozent der Wähler sind noch unentschieden.