ZEIT ONLINE: Herr Zucman, Sie forschen seit einigen Jahren zu Steueroasen. Wie überrascht waren Sie von den Leaks?

Gabriel Zucman: Die geleakten Daten beweisen, wie massiv das System von Briefkastenfirmen genutzt wird, um Geld in Steueroasen wie Panama oder den britischen Jungferninseln zu verstecken. Dieser Aspekt hat mich allerdings kaum überrascht. Viel interessanter ist: Die Leaks zeigen, dass wir trotz vieler Fortschritte im Kampf gegen Steuerflucht offensichtlich nicht genug tun. Die Panama Leaks zwingen die Politiker dazu, endlich konsequenter zu handeln. 

ZEIT ONLINE: Von wem soll dieser Druck kommen?

Zucman: Ich kann die Zukunft nicht voraussagen, aber ich kann sagen, was passieren sollte: Die EU und die USA müssen konkrete Sanktionen gegen Länder wie Panama oder die Jungferninseln beschließen. Dort bestehen nach wie vor viele Möglichkeiten, Verbrechen zu begehen. Wer gegen Geldwäsche und gegen die Finanzierung von Terrorismus vorgehen will, der kann gar nicht anders als zu handeln. 

ZEIT ONLINE: Es sind ja nicht nur Briefkastenfirmen, die zur Steuerflucht genutzt werden, auch Stiftungen eignen sich hervorragend. Bleibt das nicht ein Hase-und-Igel-Spiel?

Zucman: Viel wichtiger als die Sanktionen ist totale Transparenz. Es ist ja nicht so, dass irgendeine Briefkastenfirma Geld investiert. Dahinter stecken echte Vermögen von echten Firmen von echten Personen. Und die sitzen in den USA ebenso wie in Deutschland. Wir müssen generell wissen, wem Vermögen tatsächlich gehört, egal wo und in welcher Anlageform es vorliegt.
 
ZEIT ONLINE:
Kritiker bemängeln, solche Maßnahmen würden Privatsphäre und Datenschutz verletzen. Normale Bürger müssen ihre Finanzgeschäfte aber doch bereits weitgehend durchleuchten lassen.

Zucman: Sie beschreiben einen richtigen Punkt. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist gegenüber Finanzbehörden, Banken oder Firmen, die unsere Kreditwürdigkeit bewerten, komplett transparent. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb ausgerechnet die Wohlhabenden ein Recht auf Heimlichkeit haben sollen. Transparenz für 99 Prozent der Menschen und Geheimdeals für das eine Prozent sind nicht zu rechtfertigen. 

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie also konkret vor?

Zucman: Wir brauchen ein globales Finanzregister. Das ist der einzige Weg, mit dem wir die Sache in den Griff bekommen können. Es reicht nicht aus, höflich bei den betreffenden Staaten anzufragen, ob man bitte ein paar Informationen haben könnte.

ZEIT ONLINE: Wenn Staaten wie die USA oder Deutschland nicht effektiv gegen solche Strukturen vorgehen, dann scheint es so, als hätten sie auch Vorteile durch dieses System.

Zucman:
Natürlich gibt es Vorteile, aber eben nur für ganz bestimmte Leute. Die sind sehr mächtig und sehr reich. Aber die übergroße Mehrheit der Bevölkerung profitiert in keiner Weise. Im Gegenteil.

ZEIT ONLINE: Warum wurde dann bis heute nichts unternommen?

Zucman: Das stimmt nicht. Es gibt tatsächlich Fortschritte, und es ist wichtig, diese auch anzuerkennen. Vor 2013 gab es quasi keinen Austausch von Bankinformationen zwischen Steueroasen und den Finanzbehörden anderer Staaten. Ab 2017 wird es zunehmend einen automatisierten Informationsaustausch zwischen Banken in der Schweiz, in Hongkong, in Singapur und deutschen Behörden geben. Das ist ein großer Fortschritt, aber eben nicht genug.

ZEIT ONLINE: Warum dauert das so lange? Welche Lobbyinteressen bremsen?

Zucman: In der EU gibt es mächtige Interessengruppen, die keine Transparenz wünschen. Die luxemburgische Regierung will zum Beispiel keine radikalen Veränderungen, weil sie kurzfristig sehr viel Geld verlieren würde. In den USA sind es Bundesstaaten wie Delaware oder Nevada, die sich gegen einen Wechsel stemmen. 

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