Papier ist geduldig. Insofern liegt es auf den ersten Blick nahe, die neueste Initiative der Staatengemeinschaft gegen Steuerflüchtlinge als unzureichend und mutlos zu kritisieren. Die fünf größten europäischen Staaten haben in einem Brief an die chinesische G-20-Ratspräsidentschaft dazu aufgerufen, sich mit dem Thema zu befassen, während sie untereinander "so schnell wie möglich" gemeinsame Standards für den Austausch von Informationen über wirtschaftlich Begünstigte von Briefkastenfirmen und ähnlichen Konstrukten entwickeln wollen. Der Brief, der am Donnerstagabend im Vorfeld der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) veröffentlicht wurde, klingt ziemlich weich, zumal Ausnahmen ausdrücklich erlaubt sind.

Tatsächlich aber ist die Initiative ein wichtiges Signal, denn sie zeigt, dass Weltpolitik funktioniert.

Steuervermeidung ist – so wie der Klimawandel oder die Finanzregulierung – ein globales Problem. Es mag gut sein für das eigene Gewissen, wenn Deutschland mit möglichst strengen Regeln voranschreitet, aber für die Sache selbst ist viel wichtiger, wie sich die Staatengemeinschaft insgesamt positioniert. Es ist nur beschränkt hilfreich, wenn die Deutschen die Regeln verschärfen und beispielsweise die Briten sie lockern – zumal der internationale Geldverschiebebahnhof den größten Schaden wahrscheinlich in den Entwicklungsländern anrichtet, wo er es kleptokratischen Eliten ermöglicht, sich auf Kosten der eigenen Bevölkerung zu bereichern.

Politik reagiert erst auf Druck

Man kann Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vorwerfen, sich erst um Steuerfragen gekümmert zu haben, als der Druck zunahm. Aber so ist Politik: Sie reagiert auf Druck. Und als er sich dann der Sache angenommen hat, hat er schnell auf eine internationale Lösung gesetzt und das durchaus mit Erfolg. Es ist noch nicht so lange her, da wollte sich noch kein Staat beim Thema Steuern internationalen Regeln unterwerfen. Vom kommenden Jahr an wollen 90 Länder automatisch Steuerinformationen austauschen. Schon heute überprüft die in Paris ansässige Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Steuerpraktiken der wichtigsten Staaten der Welt. Und vor wenigen Monaten verständigten sich 62 Länder auf gemeinsame Standards bei der Besteuerung von Unternehmen, mit deren Hilfe Steuerschlupflöcher für grenzüberschreitend tätige Konzerne geschlossen werden sollen.

Mit derselben Methode will die internationale Gemeinschaft nun die Steuervermeidung durch Briefkastenfirmen bekämpfen. Panama hat dem Druck der vergangenen Wochen bereits nachgegeben und ist zum Informationsaustausch bereit.

Das alles ist so wichtig, weil Globalisierung bisher vor allem dadurch gekennzeichnet war, dass sich die Wirtschaft immer stärker vernetzte, während die öffentlichen Institutionen national organisiert blieben und deshalb ein Stück weit die Kontrolle über ihre Angelegenheiten verloren. In der Steuerpolitik erobern sich die Staaten politischen Handlungsspielraum zurück. Das ist ein Grund zur Hoffnung – auch wenn es bedeutet, dass es etwas länger dauern kann, bis eine Übereinkunft erzielt wird.