Hans Richter, 68 Jahre alt, ist einer der profiliertesten Wirtschaftsstrafrechtler der Republik. Als Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Wirtschaft in Stuttgart hat er jahrzehntelang wegen krimineller Machenschaften in Unternehmen und Banken ermittelt: im Fall des Autoherstellers Porsche, bei der Landesbank LBBW und auch nach der Insolvenz des Drogeriemilliardärs Anton Schlecker. Seit einigen Monaten ist er in Pension, doch im Gespräch in einem Stuttgarter Café über die Panama Papers wird schnell klar, dass er nichts von seiner Angriffslust verloren hat.

ZEIT ONLINE: Herr Richter, was haben Sie gedacht, als die sogenannten Panama Papers veröffentlicht wurden?

Hans Richter: Ich habe gedacht: Na endlich!

ZEIT ONLINE: Weil die Papiere die grenzenlose Gier einiger Eliten öffentlich gemacht haben, wie jetzt viele meinen?

Richter: Nein, den Begriff der Gier halte ich in diesem Zusammenhang für unangebracht. Sicherlich gibt es Manager, Banker und Privatpersonen, die von Gier getrieben sind. Ich selbst habe einige dieser Menschen kennenlernen dürfen. Das eigentlich Anstößige an diesen Veröffentlichungen ist aber etwas Anderes.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Richter: Der Skandal ist, dass die Verschleierung von Vermögen im Ausland noch immer nicht in die Illegalität gedrängt wurde. Dass es noch immer systematisch möglich ist, auf diese Weise Geld und sonstiges Vermögen zu verstecken.

ZEIT ONLINE: Sie sagen also, die Politik ist das Problem – nicht die gierige Elite?

Richter: So ist es. Es ist doch zwingend, dass Manager, Banker, Unternehmer die Grenzen des Rechts ausloten. Das ist auch nicht zu verhindern oder gar zu verurteilen. Zum Problem wird das erst dann, wenn der Gesetzgeber zu viele Grauzonen offen lässt, in denen unklar ist, was strafrechtlich relevant ist und was nicht. Das zwingt die Bevölkerung immer öfter dazu, nicht mehr mit dem Recht zu argumentieren, sondern in den Kategorien von Ethik und Moral.

ZEIT ONLINE: Und das ist auch im Fall der Panama Papers zu beobachten?

Richter: Offensichtlich. Es sind ja immer Gründe denkbar, warum die Geschäfte dieser Briefkastenfirmen legal sein könnten. Das zwingt uns dazu, die Debatte moralisch zu führen. Und das führt dazu, dass der Eindruck entsteht, hier werde eine Hetzkampagne gegen einen Teil der Eliten geführt. Wenn der Staat sagen würde: Diese Art von Vermögensverschleierung ist illegal, dann könnten wir ganz anders argumentieren. Solange wir aber ständig in vorrechtlichen Kategorien denken und argumentieren, entwerten wir unsere Rechtsgrenzen, insbesondere auch die vom Strafrecht gezogenen. Das macht mir Sorgen. Wir zerrütten auf diese Weise den Rechtsstaat.

ZEIT ONLINE: Im Fall der Briefkastenfirmen gibt es womöglich eine einfache Erklärung, warum die Staatengemeinschaft noch nicht erfolgreich war: Einige Staaten – darunter auch Panamahaben sich bisher geweigert, diese Firmen zu verbannen.

Richter: Ich halte das für ein vorgeschobenes Argument. Die EU, aber auch schon Deutschland allein, hätten die Macht, Länder wie Panama oder andere kleinere Staaten dazu zu zwingen, ihr Gebaren zu ändern. Die Wahrheit lautet doch: Finanzgroßmächte wie die USA, Russland, China oder Großbritannien haben kein Interesse daran, dass diese Form der Verschleierung ein Ende findet – weil sie fürchten, dass ihre Unternehmen ins Hintertreffen geraten, wenn sie als erstes diese Praxis verbieten. So wird übrigens auch in Deutschland argumentiert.

ZEIT ONLINE: Wie lautet die Argumentation?

Richter: Wenn Sie sich die großen Unternehmen – auch in Deutschland – anschauen, dann stellen Sie fest: Dort arbeiten viele mit diesen Konglomeraten. Sobald die Debatte aufkommt, ob man das nicht komplett verbieten sollte, heißt es: Wenn wir diese Geschäfte verbieten, dann gibt es Wettbewerbsverzerrungen gegenüber den Unternehmen aus Großbritannien, Japan, den USA. Mir fehlt, ehrlich gesagt, die Fantasie, welche legalen Geschäfte das sein könnten, die davon beeinträchtigt würden. Aber es gibt auch in Deutschland eine starke Lobby, die gegen strengere Gesetze agitiert.

ZEIT ONLINE: Das liberale Argument lautet, dass der Staat den Unternehmen einen gewissen Freiraum lassen sollte, anstatt sie mit immer neuen Regeln zu gängeln.

Richter: Aus meiner langjährigen Erfahrung als Oberstaatsanwalt und Ermittler kann ich Ihnen sagen: Das Gegenteil ist richtig. Es fehlt uns im Strafrecht an Klarheit und eindeutigen Regeln. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum wir nach der Finanzkrise kaum Schuldsprüche vorweisen konnten – obwohl in einigen Banken sehr viele Dinge schiefgelaufen sind. Vieles spielte sich damals in Grauzonen des Rechts ab, vieles wurde damals nicht aufgeklärt. Das hängt uns bis heute nach. Auch bei den Panama Papers habe ich wenig Hoffnung, dass dieser Komplex vollständig aufgeklärt wird, selbst wenn die Staatsanwälte die Daten irgendwann erhalten sollten.

ZEIT ONLINE: Sie selbst haben wiederholt vor einer "Zwei-Klassen-Täterschaft" gewarnt. Die kleinen Straftäter würden oft bestraft, die Großen hingegen kriege man immer schwerer zu fassen.

Richter: Das ist in der Tat ein Problem, das letztlich auch bei den Panama Papers mitschwingt. Es sind tendenziell die Vermögenden und Mächtigen, die die Möglichkeit besitzen, Gelder zu verschleiern. Je größer aber die Möglichkeit des Verschleierns ist, desto schwieriger wird es für die Staatsanwälte Taten aufzudecken. Und je schwieriger es wird, das aufzudecken, desto größer sind die Möglichkeiten für die Beschuldigten, in Gerichtsprozessen Zweifel zu schüren.

ZEIT ONLINE: Wie läuft das im Gerichtssaal konkret ab?

Richter: Wir haben es bei vielen Wirtschaftsprozessen mittlerweile mit einer sehr aufwändigen, kostenintensiven Verteidigung zu tun. Oft sind Großkanzleien mit hohem betriebswirtschaftlichen Know-how beteiligt. Diese Verteidiger schieben dann so viele Informationen wie möglich in den Gerichtsprozess und bestellen so viele Gutachter, dass Zweifel irgendwann nicht mehr auszuschließen sind. Eine solche Strategie sehen wir etwa aktuell im Porsche- und Deutsche-Bank-Prozess. Aber wir erleben das mittlerweile sogar bei Verhandlungen gegen mittelständische Unternehmen.