ZEIT ONLINE: Drei Viertel aller bis 34-Jährigen sind laut einer aktuellen Umfrage davon überzeugt, im Alter nicht mehr von der gesetzlichen Rente leben zu können. Haben sie Recht?

Thomas Straubhaar: Ja, für sehr viele Menschen die jetzt unter 40 Jahre alt sind, wird die eines Tages ausbezahlte Rente mehr oder weniger eine Grundrente sein. Von der werden sie 25 bis 30 Jahre leben müssen. 2040 wird die Rente im besten Fall bei der Hälfte, im schlechtesten Fall bei 40 Prozent des dann aktuellen Durchschnittsgehalts liegen. Insbesondere Frauen, die wegen Kindererziehungszeiten dem Arbeitsmarkt ferngeblieben sind, werden erschreckend wenig Rente beziehen

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für obere Einkommensklassen, die jetzt viel einzahlen? 

Straubhaar: Die werden natürlich mehr als die Grundrente erhalten. Aber auch die werden den Lebensstandard, den sie sich durch das Gehalt der letzten Erwerbsjahre angeeignet haben, mit der Rente alleine nicht halten können.

ZEIT ONLINE: Was ist das Grundproblem des gesetzlichen Rentensystems? 

Straubhaar: Es gibt mehrere Grundprobleme. Das ökonomische Problem besteht darin, dass das Rentensystem in einer Zeit des starken Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums eingeführt wurde. Der Ausbau hat in den Nachkriegsjahren und der Zeit des Wirtschaftswunders stattgefunden. Außerdem wuchs damals die Bevölkerung, heute dagegen stagniert sie, die Flüchtlinge oder auch eine Arbeitsmigration werden da wenig ändern können. Denn Flüchtlinge zahlen nicht vom ersten Tag in die Sozialkassen ein, und wer einzahlt, will später auch etwas zurück erhalten – auch wenn er oder sie einen ausländischen Pass hat. Ein weiteres Problem ist, dass das Rentensystem beitragsfinanziert wird. Arbeit macht aber einen immer geringeren Anteil der gesamten Wertschöpfung aus.

ZEIT ONLINE: Und dieser Prozess beschleunigt sich?

Straubhaar: Das war schon immer so, aber durch die Digitalisierung, die noch einmal einen arbeitssparenden Produktivitätsfortschritt bedeutet, geht es noch schneller. An US-amerikanischen Hochschulen denkt man längst über neue Formen der Finanzierung von Umverteilungssystemen nach. Auch unsere Systeme müssen stärker steuerfinanziert, nicht beitragsfinanziert sein. Das hat den Vorteil, dass neben den Arbeitseinkommen auch Kapitaleinkommen herangezogen werden. Auch Selbstständige und im öffentlichen Dienst Stehende zahlen dann mit.  

ZEIT ONLINE: Sie meinen eine Erwerbstätigenversicherung? 

Straubhaar: Es ist offensichtlich, dass ein Roboter, der am Fließband steht, im Gegensatz zu einem Menschen nicht mit Lohnnebenkosten zur Finanzierung der Rente einbezogen werden wird. Das macht ihn für den Arbeitgeber attraktiver als den Arbeiter. Makroökonomisch ist das kein Nachteil, aber so wie unsere Sozialversicherungssysteme heute organisiert sind, wirkt sich das auf deren Finanzierung negativ aus, weil Roboter eben keine Rentenbeiträge zahlen. 

ZEIT ONLINE: Roboter stellen später aber auch keine Ansprüche. 

Straubhaar: Richtig, aber unser Rentensystem basiert eben darauf, dass wir Versprechungen abgegeben haben, die irgendwie zu finanzieren sind. Wenn wir das nur auf Arbeitnehmer abwälzen, heißt das, die Prokopfbeiträge werden immer weiter steigen. Das unschöne Wort Altenquotient drückt aus, wie viele Rentner pro Beitragszahler versorgt werden müssen. Waren es in den sechziger Jahren noch fünf Arbeitnehmer, sind es heute nur noch drei, die einen Rentner versorgen. Wenn alles so weiterläuft, werden es irgendwann nur noch zwei sein.

ZEIT ONLINE: Wirklich angekommen scheint die Erkenntnis in der Politik noch nicht.

Straubhaar: Doch, aber man riskiert nicht, das Problem an seiner Wurzel anzugehen. Die von der großen Koalition beschlossene Rentenreform ist ein großer Sündenfall. Sie hat einerseits die Leistungen für die Rentner verbessert und dadurch die Kosten für künftige Generationen noch einmal in die Höhe getrieben. Sie hat die Lebensarbeitszeit nicht ausgeweitet, sondern verkürzt.

ZEIT ONLINE: Die Politik denkt einmal mehr zu kurzfristig?

Straubhaar: Ich werte das eher als klares Zeichen dafür, dass sie erkannt hat, welche Lobbymacht Senioren in einer alternden Gesellschaft haben. Dagegen können sie keine Politik mehr betreiben, sonst werden sie abgewählt. Das lässt sich sehr gut an den sogenannten Wutbürgern veranschaulichen, die in der Regel älteren Jahrgangs sind, weil Ältere Zeit zum Demonstrieren haben, während die Jüngeren arbeiten müssen.