Atomkatastrophe - Tschernobyl-Kraftwerk erhält neuen Stahlmantel 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine sind die Bauarbeiten für eine neue Reaktorschutzhülle im Gange. Bei einem Besuch zusammen mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks haben ZEIT-ONLINE-Reporter Aufnahmen gemacht.   © Foto: Claus Hecking/DIE ZEIT

Als Barbara Hendricks das Kernkraftwerk von Tschernobyl besucht, gibt es Hähnchen. In der Kantine stehen Arbeiter in blauer Kluft Schlange. Kellnerinnen in weißen Schürzen eilen, um die Gäste aus Hendricks' Tross zu versorgen. Nach den Vorspeisen servieren sie eine Pastete. Die Masse ist in krosse braune Hähnchenhaut gefüllt, in Form gebracht, als wäre sie ein echtes Hühnerbein, geschmückt mit einer weißen Rosette am Knöchel.

Es ist ein Essen wie aus den 1970er Jahren, als moderne Mahlzeiten alles sein sollten außer natürlich. Aus einer Zeit, in der man noch glaubte, der technische Fortschritt werde die Probleme der Menschheit lösen.

Wenige hundert Meter weiter steht Reaktor Nummer vier. Seit er vor 30 Jahren in die Luft flog, ist Tschernobyl weltweit zum Synonym geworden für die Gefahren der Atomenergie. Das damals geschmolzene Uran, das noch im Reaktor lagert, wird Milliarden Jahre strahlen. Bis heute gibt es keine Technik, es zu entsorgen. Dennoch arbeiten in Tschernobyl rund 5.000 Personen daran, die gröbsten Schäden des Reaktorunglücks zu beseitigen und neue Gefahren zu verhindern. Barbara Hendricks ist gekommen, um sich über den Fortgang der Sanierungsarbeiten zu informieren. Auch Deutschland gibt dafür Geld.

In der Kantine nebenan wäre von der Strahlengefahr nichts zu spüren – wären da nicht die Sicherheitsleute, die alle Schritte der Journalisten beäugen, die Strahlenmessgeräte, die jede Person vor dem Betreten des Raums scannen, und die Erklärung der Direktion, das Essen werde selbstverständlich komplett außerhalb der Sperrzone eingekauft.

Der Super-GAU

Der Grund für die Vorsichtsmaßnahmen ist in die Geschichte eingegangen. Am 26. April 1986, um 1.23 Uhr in der Nacht, zerstörte eine Serie von Explosionen Reaktor Nummer vier und das Gebäude, in dem er steckte. Die Simulation eines Stromausfalls war schiefgegangen, man hatte Sicherheitsvorschriften nicht beachtet. Der Kühlkreislauf funktionierte nicht. Als Schichtleiter Alexander Akimow den Notaus-Knopf drücken ließ, um eine unkontrollierbare Kettenreaktion zu stoppen, befeuerte er sie stattdessen. Röhren barsten, Kühlwasser trat aus, die Brennelemente fingen an zu schmelzen, zwei Explosionen rissen die mehr als tausend Tonnen schwere Abdeckung des Reaktorkerns weg. Der Kern lag offen da. Das Dach von Nachbarreaktor Nummer drei fing Feuer. Bei mehr als 2.000 Grad Hitze flogen brennende Trümmer und strahlende Partikel weit durch die Luft. Die Radioaktivität verbreitete sich in Nord- und Mitteleuropa, später trug der Wind sie Richtung Südosten bis in die Türkei.

Wie ein Gespenst

So breitete sich die Wolke in den ersten Tagen nach dem Unfall aus:

…

Fünf Minuten nach der ersten Explosion trafen Feuerwehrmänner bei Reaktor vier ein. Als sie aufs Dach des Nachbargebäudes stiegen, um den Brand zu löschen, trugen sie keine Schutzausrüstung. Zwei Wochen später waren sie tot.

An der Gedenkstätte für die Liquidatoren von Tschernobyl © Alexandra Endres

Tagelang bekämpften Hubschrauberpiloten, Arbeiter und Wehrpflichtige das Feuer. Sie warfen Trümmer, Berggestein, Bor, Blei, Sand und Lehm in den glühenden Reaktor. Bis er endlich abkühlte. Drinnen blieb eine lavaartige Masse aus geschmolzenen Brennstäben, Beton und Grafit zurück.

Viele der Liquidatoren starben ebenfalls. Heute erinnert am Kraftwerk ein Denkmal an die Toten: ein paar Namensplaketten in einer Mauer aus Stein, ein Kreuz, eine Glocke, die Skulptur eines Kämpfers, der mit Flammen ringt. Unter Einsatz ihres Lebens hatten die Liquidatoren von Tschernobyl damals Schlimmeres verhindert. Auch die Umweltministerin kommt hierher. Hendricks legt einen Kranz für sie nieder und hält einen Moment inne. Der Reaktorunfall habe "auf erschreckende Weise" gezeigt, welche Risiken mit der Kernkraft verbunden seien, sagt sie. "Noch heute sind die Menschen in der Ukraine mit der Bewältigung der katastrophalen Folgen belastet."