Kunden müssen ab Juli in mehr Geschäften als bisher für Plastiktüten bezahlen. Mehr als 240 Unternehmen in Deutschland haben sich verpflichtet, die Tüten in Zukunft häufiger nur noch gegen eine Gebühr abzugeben. Dazu unterzeichneten der Präsident des Handelsverbandes Deutschland, Josef Sanktjohanser, und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Dienstag eine Selbstverpflichtung.

Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) sind von der Vereinbarung vorerst etwa 60 Prozent der Plastiktüten im Einzelhandel betroffen. Sehr dünne Tüten, etwa für Obst und Gemüse, bleiben gratis. Die Höhe der Gebühr können die Händler selbst festlegen. In der Vereinbarung zwischen Handel und Regierung ist lediglich von einem "angemessenen Entgelt" die Rede. 

Hintergrund der freiwilligen Vereinbarung ist eine EU-Richtlinie, wonach der Verbrauch der Kunststofftüten in den Mitgliedstaaten bis 2019 auf 90 Tüten und bis 2025 auf 40 Tüten pro Einwohner und Jahr reduziert werden soll. Mit der Selbstverpflichtung vermeidet der Einzelhandel eine gesetzliche Regelung.

Umweltorganisation zieht Gesetz vor

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert das. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks knicke "einmal mehr vor den Interessen der Handelskonzerne ein", teilte die Organisation mit. Die Selbstverpflichtung betreffe überwiegend Tüten, für die bislang ohnehin schon Geld verlangt wurde, wie beispielsweise in Supermärkten. "Die Vereinbarung sieht keinen Mindestbetrag für Plastiktüten vor und es fehlen Sanktionen, falls sich Händler nicht an die Selbstverpflichtung halten", sagte der Leiter für Kreislaufwirtschaft bei der DUH, Thomas Fischer.

Stattdessen fordert die Umweltorganisationen eine bundesweite Plastiktütenabgabe von 22 Cent nach irischem Vorbild. Mit den Einnahmen einer Abgabe könnten Projekte zur Vermeidung von Abfall finanziert werden.

Derzeit benutzt jeder Einwohner Deutschlands im Jahr im Durchschnitt 71 Tüten. Die meisten Bundesbürger befürworten eine Gebühr für Plastiktüten. Bei einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov erklärten 80 Prozent der Befragten, sie fänden es "sehr gut" oder "eher gut", dass immer mehr Geschäfte Geld für Kunststofftaschen nehmen. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) plädierte sogar dafür, dass die Ausgabe von Plastiktüten in Geschäften komplett verboten wird. Die Zahl der Gegner der Plastiktüten-Gebühr war mit 15 Prozent eher gering.

Mehrere Unternehmen hatten bereits vor der Selbstverpflichtung eine Gebühr für Plastiktüten eingeführt. Die Kaufhauskette Karstadt verlangt von ihren Kunden bereits seit März fünf, zehn, 20 oder 30 Cent für Einwegtragetaschen. Ab Mai will das Unternehmen Mehrwegtüten zum Preis von 1,50 Euro anbieten. Der Drogeriehändler Rossmann hat kostenlose Plastiktüten komplett aus seinem Angebot verbannt. Tüten aus Kunststoff sind dort zu Preisen von zehn Cent bis 1,79 Euro zu haben. Der Konkurrent dm verlangt zehn Cent pro Tüte.

Gratwanderung für Textilhandel

Auch bei den Elektronikketten Media Markt und Saturn müssen die Kunden seit Jahresanfang für Plastiktüten bezahlen. Je nach Größe variieren die Preise zwischen fünf und 50 Cent. Testläufe hätten ein gutes Ergebnis erzielt. "Der Tütenverbrauch hat sich um mehr als 80 Prozent reduziert. Auch seitens unserer Kunden haben wir sehr positives Feedback erhalten", sagt eine Unternehmenssprecherin.

Bei der Textilhandelskette C&A kosten Plastiktüten seit dem 1. April pro Stück 20 Cent – egal ob klein oder groß. "Wir treffen auf eine erstaunlich hohe Akzeptanz", meint Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. Bereits in den ersten Wochen sei die Nachfrage nach Plastiktüten um über 50 Prozent gesunken.

Der Textildiscounter KiK hat seit Oktober 2015 keine klassischen Plastiktüten mehr im Angebot, lediglich Baumwollbeutel und Permanenttaschen aus PET. Insgesamt seien durch den Verzicht auf Plastiktüten allein bei KiK im vergangenen halben Jahr rund 315 Tonnen Plastik eingespart worden, so das Unternehmen.

Mindestens ein Drittel der Textilhändler setze schon seit Längerem auf Papiertüten, statt auf Plastik, berichtet Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE). Gerade für den Textilhandel sei der Umgang mit Bezahltüten eine schwierige Gratwanderung, meint er. Einerseits reagierten einige Kunden verärgert, wenn sie nach Bekleidungskäufen im Wert von einigen Hundert Euro auch noch für eine Tüte zahlen sollten. Andere Kunden nähmen dagegen Anstoß, wenn ihr Einkauf ungefragt in eine kostenlose Plastiktüte verpackt werde.