"Für das Immunsystem". "Für die Abwehrkräfte". "Für eine gesunde Zukunft ihres Kindes". Was klingt wie Reklame für einen Obstladen, sind Aufdrucke auf Etiketten in einer Drogerie. Sie werben für Vitamine in allen Ausführungen: A, B1, B2, B6, B12, C, E, K, Folsäure. Doch diese Vitamine stecken nicht in frischem Obst und Gemüse. Vielmehr sind die synthetischen Mikronährstoffe aus dem Chemielabor Babybrei beigemischt, auch Fruchtsaft, Traubenzucker, Smoothies, Joghurts, Kakaopulver, Gummibärchen, Tee, Margarine, sogar Brot und Salami.

Den Herstellern all dieser Produkte geht es nicht zuerst um die Gesundheit ihrer Kunden. Die vernachlässigbar kleinen Mengen an Vitaminen werden den Lebensmitteln vielmehr vor allem aus Marketinggründen hinzugefügt. Die Verbraucherschutzorganisation foodwatch hat in einer aktuellen Studie mit mehr als 200 Produkten herausgefunden, dass 90 Prozent der Lebensmittel mit Vitaminwerbung auf der Verpackung zu süß, zu salzig oder zu fettig sind. Die wenigen zugefügten Vitamine sollen von den ungesunden Eigenschaften des Industrieessens ablenken.

Was soll das? In Deutschland besteht keine Gefahr, dass Menschen mit Vitaminen unterversorgt wären – bis auf wenige Risikogruppen wie Schwangere oder ältere Menschen. Wer gesund ist, normal isst und sich unter freiem Himmel bewegt, braucht keine Chemievitamine im Essen oder als Nahrungsergänzungsmittel. "Man muss sich schon sehr dumm anstellen, um sich heutzutage einen Vitaminmangel einzufangen", sagt der Paderborner Ernährungswissenschaftler und Präsident des wissenschaftlichen Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Helmut Heseker.

Tarnvereine werben für Industrie

Seit 80 Jahren hält sich jedoch ein Mythos: Vitamine machen gesund. Damals hatte ein Pharmakonzern diese Legende erfunden, um das erste synthetisch erzeugte Vitamin C zu verkaufen. Damit die Nachfrage nach den vermeintlichen Wunderwaffen für unsere Gesundheit weiter hoch bleibt, versuchen Vitaminhersteller und Pharmakonzerne wie DSM, Pfizer, BASF, Lonza oder Bayer die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Dafür gründen die Firmen Thinktanks wie Sight and Life (DSM), sponsern Konferenzen, geben Studien zur Heilkraft der Vitamine in Auftrag oder betreiben vermeintlich neutrale Informationsseiten über "Vitalstoffe" im Internet. Und die Vitaminkonzerne nutzen auch eine bisher wenig beachtete Form des Marketings: Sie haben ein Netz von Tarnvereinen über das Land geworfen.

Die versteckten Lobbygruppen nennen sich "Arbeitskreis" oder "Gesellschaft" und sollen Bürgern deutlich machen, wie wichtig künstlich zugesetzte Vitamine für die Ernährung sind. Kunden sollen so subtil mit einer Angst vor Vitaminmangel infiziert werden, damit sie Lebensmittel mit Vitaminzusätzen kaufen oder ihren Arzt oder Apotheker nach Vitaminpräparaten fragen.

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Die professionellste dieser Vereinigungen ist die Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung e.V. (Give) aus Stuttgart. Sechs Hersteller haben sich darin zusammengeschlossen, darunter DSM, der Weltmarktführer für Vitamine, und die Pharmakonzerne Pfizer, Hermes und Merz. Eine PR-Agentur erhält mehr als 180.000 Euro jährlich dafür, in Medien Themen über die Heilkraft der Vitamine unterzubringen und auf dem eigenen Portal Stimmung für Vitamine als Nahrungsergänzung zu machen. Fast im Monatstakt erscheinen dort neue Meldungen, welcher Risikogruppe Vitamine noch helfen könnten: Veganern, Vegetariern, Diabetikern, Epileptikern, Dementen, Männern mit Erektionsstörungen, Alzheimer-Patienten, Konsumentinnen der Antibabypille, Dunkelhäutigen, Depressiven oder muslimischen Frauen, die sich verhüllen. In alarmierender Sprache werden die Gefahren und die Fallzahlen von Betroffenen dramatisiert, künstliche Vitamine als "wertvoll" und "unentbehrlich" beschrieben.

Der Lobbyverein tarnt sich als wissenschaftliche, unabhängige Informationszentrale und liefert Redaktionen ausgesuchte Experten als Interviewpartner. In einem internen Protokoll von Give von Ende 2015, das ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es: "Entscheidend ist es, Negativbeiträge zu vermeiden, sowie das Erreichen eines grundsätzlichen positiven Bilds bei der Berichterstattung" über Vitamine. Als Positivbeispiele der PR-Arbeit werden Beiträge im ARD-Morgenmagazin und in der Zeitschrift Guter Rat genannt. Die Autoren seien "früher sehr kritisch gegenüber Vitalstoffpräparaten" gewesen, jetzt seien sie auf Linie und berichteten positiv über Nahrungsergänzungsmittel.

Give ist nicht der einzige Verein, hinter dem die Industrie steckt. Manche der getarnten Vitamin-Propaganda-Vereine richten sich an Journalisten, andere an Patienten, an Sportler, Kantinenköche, Krankenkassen und an andere Wissenschaftler.