TTIP, vier Buchstaben, mehr sind es nicht. Doch was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt, prägt seit vielen Monaten die öffentliche Debatte. Barack Obama reiste extra nach Deutschland, um TTIP zu retten. Angela Merkel und ihr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wiederholen es immer und immer wieder: TTIP, das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU sei kein Grund zur Beunruhigung, keine Beschränkung von Arbeitnehmerrechten, keine Einschränkung von Umwelt-Standards würde mit TTIP kommen. Die Politiker sagen das, und viele Deutsche glauben ihnen nicht. In Berlin gingen deshalb 150.000 Menschen, in Hannover 90.000 Menschen gegen TTIP auf die Straße. Organisiert wurde dieser Protest in Verden an der Aller, einer kleinen Kreisstadt in Niedersachsen, berühmt für seine Pferdezüchter und seine Erdbeer- und Spargel-Bauern. Im Ökozentrum, schräg gegenüber von einem Fußballplatz, begann der Protest gegen TTIP: Hier arbeitet Campact, jener Verein, der vor drei Jahren die größte und erfolgreichste Anti-TTIP-Kampagne startete, hier treffen wir Campact-Chef Felix Kolb.

ZEIT ONLINE: Herr Kolb, fühlen Sie sich schon als Gewinner?

Felix Kolb: Nein, noch ist TTIP ja nicht Geschichte.

ZEIT ONLINE: Ihre Kampagne ist äußerst erfolgreich, wahrscheinlich kommt TTIP nie. 70 Prozent der Deutschen glauben, das geplante Abkommen würde hauptsächlich Nachteile bringen.

Kolb: So wie TTIP angelegt ist, darf es nie Realität werden. Das Gleiche gilt für Ceta, das bereits ausverhandelte Handelsabkommen zwischen Kanada und der EU. Ceta ist TTIP durch die Hintertür. Zehntausende US-amerikanische Unternehmen, die Niederlassungen in Kanada haben, könnten die Investitionsschutzklauseln nutzen, die durch Ceta kommen. Solange wir Ceta nicht gestoppt haben, feiern wir nicht.

ZEIT ONLINE: Wenn man sich die Stichworte Ihrer Kampagne anschaut, könnte man glauben, mit TTIP geht die Welt unter.

Kolb: Wir sind nicht grundsätzlich gegen Handelsabkommen. Globalisierung braucht klare und faire Regeln. Die Deregulierung der Märkte hat aber dafür gesorgt, dass die Vorteile der Globalisierung nicht fair verteilt wurden, insbesondere in den Entwicklungsländern. Und es fehlt an globalen Institutionen, die wieder ein Gleichgewicht herstellen.

ZEIT ONLINE: Ihren Mailings und den Texten auf Ihrer Website merkt man diese Offenheit nicht an. Dort fallen vor allem die starke Zuspitzung und Ihre ablehnende Haltung auf.

Kolb: Unsere Mails gehen sehr ins Detail. Über die Auswirkungen von TTIP auf die Kommunen haben wir beispielsweise einige Studien in Auftrag gegeben. Und wir haben drei, vier Minuten lange Erklärfilme produziert.

ZEIT ONLINE: Wird eine Schlagzeile wie "Keine Geschenke für Monsanto, BASF & Co." der Komplexität von TTIP gerecht? Das wirkt wie Populismus.

Kolb: Das ist doch bei Ihren Schlagzeilen, die Sie über Ihre Artikel setzen, auch nicht anders. Da kann man auch streiten, ob eine Überschrift in die Bild-Zeitung oder auf ZEIT ONLINE gehört. Wir haben für die Überschriften oft nur 60 Zeichen Platz. Sie können uns gern vorwerfen, wir würden vereinfachen. Aber uns konnte noch niemand nachweisen, dass wir falsche Aussagen getroffen haben.

ZEIT ONLINE: Wir geben Ihnen ein Beispiel: Auf Ihrer Website steht, TTIP soll Konzernen Profite durch Fracking, Chlorhühnern und Gen-Essen erleichtern. Fakt ist: Diese Dinge sind in der EU verboten oder streng reguliert. Zudem hat die Kommission mehrfach zugesichert: Das wird es auch mit TTIP nicht geben.

Kolb: Wenn die USA all ihre Verhandlungspunkte durchsetzen würden, dann würden Chlorhühnchen auch in Deutschland verkauft. Aber ja: Chlorhühnchen sind nicht das größte Problem.

ZEIT ONLINE: Wer Ihre Mailings liest, glaubt trotzdem, durch TTIP bekommt er automatisch ein Chlorhühnchen auf den Tisch.

Kolb: Das mag am Anfang unserer Kampagne so gewesen sein. Da war das Chlorhühnchen noch ein Thema, was bei Journalisten gut ankam. Aber lesen Sie mal alle Mailings der vergangenen 18 Monaten, da geht es gar nicht nur ums Chlorhühnchen. Da liegen unsere Schwerpunkte auf den Schiedsgerichten und dem Demokratie-Aspekt.