Wir sind selbst schuld an der Ungleichheit

Für mehr als 80 Prozent der Menschen in Deutschland steht fest: Die soziale Ungleichheit hierzulande ist zu groß. Das zeigt nicht nur eine neue Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung. Auch diverse weitere Studien belegen, dass Einkommen und Vermögen seit Jahren immer ungleicher verteilt sind. Man mag das als moralisches Problem sehen – vor allem aber ist es ein ökonomisches: Langfristig schadet die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich der Wirtschaft und damit allen.

Die Debatte, wie das zu ändern sei, ist bereits in vollem Gange. Soll der Staat intervenieren, die Steuern für Vermögende und Gutverdiener anheben, die Erbschaftssteuer erhöhen? Das würde mehr Sozialtransfers ermöglichen. Der Fiskus würde das Geld von den Wohlhabenden nehmen und den unteren Einkommensschichten geben. Das mag die Ungleichheit mildern. Aber es kann nicht die fundamental ungesunde Entwicklung umkehren, die in den vergangenen 20 Jahren zur wachsenden Kluft geführt hat. 

Seit Jahren steigen die Löhne der Beschäftigten in Deutschland deutlich langsamer als die Gewinne der Unternehmen und die Einkommen aus Vermögen, etwa durch Mieten und Kapitalerträge. Von 1995 bis 2014 sind die Bruttolöhne nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um etwa 48 Prozent gestiegen, die Unternehmens-und Vermögenseinkommen aber um etwa 67 Prozent. Die Beschäftigten haben damit ein deutlich kleineres Stück von dem Wohlstand erhalten, den sie in den letzten zwei Jahrzehnten selbst erwirtschaftet haben. Das ist eine große Ungerechtigkeit.

Wirtschaft ist kein patriarchalisches System

Ganz offensichtlich haben sich die Arbeitnehmer seit einiger Zeit eine fragwürdige Bescheidenheit auferlegt. Ihnen wurde wegen der umgreifenden Globalisierung eingetrichtert, dass ihre Arbeit in China oder Indien viel billiger verrichtet werden könne und daher stärkere Lohnerhöhungen einfach nicht drin seien. Deutsche Produkte würden anderenfalls zu teuer und wären international nicht mehr wettbewerbsfähig.

Nicht einmal für die exportierenden Unternehmen trifft das zu. In der Autoindustrie und im Maschinenbau etwa werden weiterhin gute Löhne gezahlt, weil die Qualität der Produkte ausgezeichnet ist. Das Problem sind eher Branchen, die mit dem Weltmarkt kaum etwas zu tun haben, zum Beispiel der Lebensmitteleinzelhandel oder kleine Dienstleister, etwa Friseure. Hier verdienen die Beschäftigten deutlich weniger.  

Dabei hätten die Arbeitnehmer selbst die Lohndrückerei verhindern können. Das deutsche Recht gibt ihnen dazu alle Möglichkeiten.

Unsere Wirtschaft ist kein patriarchalisch verfasstes System, in dem nur in der Chefetage bestimmt wird, wie viel Geld die Angestellten verdienen sollen. Auch ein Vorstand beurteilt nicht allein, wie leistungsfähig ein Unternehmen ist und wie der Profit verteilt werden soll.

Der Artikel 9 des Grundgesetzes und eine Reihe anderer Gesetze garantieren: Deutschland ist eine soziale und demokratische Marktwirtschaft, daran haben auch etliche marktliberale Reformen der vergangenen Jahrzehnte nichts geändert. Das Gesetz sichert den Beschäftigten ein starkes Mitspracherecht in den Betrieben zu. Sie können sich in Gewerkschaften organisieren und zur Not ihre Interessen per Streik durchsetzen. Dass in jüngster Zeit von diesem Recht ausgerechnet Topverdiener wie Piloten besonders ausgiebig Gebrauch gemacht haben, spricht eigentlich für sich. Auch in exportorientierten Branchen, in der Autoindustrie oder im Maschinenbau, haben die Gewerkschaften noch Macht.

Wer soll noch gerechtere Löhne durchsetzen?

Doch in vielen anderen Branchen sind die Beschäftigten nicht mehr in Gewerkschaften organisiert. Der Trend geht zur Entsolidarisierung; jeder kämpft für sich allein. Nur noch etwas mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind in einer Gewerkschaft, Anfang der 1990er Jahre waren es noch bis zu 40 Prozent. Wer soll da noch die Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen durchsetzen? Der Machtkampf um eine gerechtere Verteilung des Volkseinkommens wurde größtenteils aufgegeben.

Dabei müssten längst nicht alle Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert sein, um die Bedingungen für alle zu verbessern. Ein Organisationsgrad wie in den 1990er Jahren hätte Auswirkungen für ganze Branchen. Noch im Jahr 1996 etwa waren die Löhne von 82 Prozent aller Arbeitnehmer durch einen Tarifvertrag geregelt, im Jahr 2010 waren es nur noch 62 Prozent.

Gesellschaftliche Gefahr

In Deutschland aber haben die Beschäftigten ihrer Macht selbst den Boden entzogen und damit die Ungleichheit befördert. Daraus entstand eine ungesunde Entwicklung, die den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet.

Auch in den USA: Dort gab es einmal starke Gewerkschaften mit hohen Mitgliederzahlen. In den 1950er Jahren waren etwa 35 Prozent der Arbeiter organisiert. Der Einfluss der US-Arbeitnehmerverbände aber ist über die Jahrzehnte erodiert, sie sind heute mehr oder minder bedeutungslos. Die Mittelschicht aber hat gar nicht mitbekommen, wie ihr Wohlstand abhanden kam. Und nun wundert man sich über die politischen Extreme, die auch in den USA immer stärker Raum greifen.

Natürlich sind die Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen nicht schuldlos an der Misere. Ihr autoritärer Führungsstil, Skandale und Fälle von Mauscheleien mit den Arbeitgebern haben viele Beschäftigte abgeschreckt. Heute gelten Gewerkschaften als uncool. Sie passen nicht in die moderne Jobwelt, in der sich ein fürsorglicher Chef liebevoll um die Probleme seiner Angestellten zu kümmern scheint. Doch die Liebe endet, wenn jeder Einzelne für sich allein um mehr Gehalt verhandeln  muss. 

Auch die Arbeitnehmerorganisationen müssen sich stärker modernisieren, um wieder attraktiver für Mitglieder zu werden. Erste Anzeichen gibt es dafür. Aber letztlich sind auch Gewerkschaften demokratisch organisiert. Jeder kann mitmachen.