Doch in vielen anderen Branchen sind die Beschäftigten nicht mehr in Gewerkschaften organisiert. Der Trend geht zur Entsolidarisierung; jeder kämpft für sich allein. Nur noch etwas mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind in einer Gewerkschaft, Anfang der 1990er Jahre waren es noch bis zu 40 Prozent. Wer soll da noch die Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen durchsetzen? Der Machtkampf um eine gerechtere Verteilung des Volkseinkommens wurde größtenteils aufgegeben.

Dabei müssten längst nicht alle Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert sein, um die Bedingungen für alle zu verbessern. Ein Organisationsgrad wie in den 1990er Jahren hätte Auswirkungen für ganze Branchen. Noch im Jahr 1996 etwa waren die Löhne von 82 Prozent aller Arbeitnehmer durch einen Tarifvertrag geregelt, im Jahr 2010 waren es nur noch 62 Prozent.

Gesellschaftliche Gefahr

In Deutschland aber haben die Beschäftigten ihrer Macht selbst den Boden entzogen und damit die Ungleichheit befördert. Daraus entstand eine ungesunde Entwicklung, die den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet.

Auch in den USA: Dort gab es einmal starke Gewerkschaften mit hohen Mitgliederzahlen. In den 1950er Jahren waren etwa 35 Prozent der Arbeiter organisiert. Der Einfluss der US-Arbeitnehmerverbände aber ist über die Jahrzehnte erodiert, sie sind heute mehr oder minder bedeutungslos. Die Mittelschicht aber hat gar nicht mitbekommen, wie ihr Wohlstand abhanden kam. Und nun wundert man sich über die politischen Extreme, die auch in den USA immer stärker Raum greifen.

Natürlich sind die Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen nicht schuldlos an der Misere. Ihr autoritärer Führungsstil, Skandale und Fälle von Mauscheleien mit den Arbeitgebern haben viele Beschäftigte abgeschreckt. Heute gelten Gewerkschaften als uncool. Sie passen nicht in die moderne Jobwelt, in der sich ein fürsorglicher Chef liebevoll um die Probleme seiner Angestellten zu kümmern scheint. Doch die Liebe endet, wenn jeder Einzelne für sich allein um mehr Gehalt verhandeln  muss. 

Auch die Arbeitnehmerorganisationen müssen sich stärker modernisieren, um wieder attraktiver für Mitglieder zu werden. Erste Anzeichen gibt es dafür. Aber letztlich sind auch Gewerkschaften demokratisch organisiert. Jeder kann mitmachen.