Kaum ein Franzose kann ihm dieser Tage entkommen: Emmanuel Macron beherrscht die Medien. Oder beherrschen sie ihn? So klar ist das nicht. Klar ist, dass der 38 Jahre junge, attraktive französische Wirtschaftsminister derzeit mit jedem seiner öffentlichen Schritte im Fernsehen ist, seit Wochen zahlreiche Titelseiten schmückt und der Medienrummel um ihn entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Umfragen ihn heute als aussichtsreichsten Kandidaten der Linken für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr handeln.

Macron greift sehr hoch. Noch nie konnte ein Seiteneinsteiger in die Politik auf Anhieb die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnen. Doch er glaubt, dass die alten Parteilager, links und rechts, heute nichts mehr bedeuten und er ganz neue Wähler gewinnen kann. Auf seine Art, mit ganz anderen Inhalten, will Macron zum Donald Trump Frankreichs werden. Zwar hat sich Macron noch gar nicht zum Kandidaten erklärt, doch der Parteilose hat im April seine eigene Sammlungsbewegung "En marche" ("In Bewegung") ins Leben gerufen, für die seit vergangenem Wochenende 4.000 Freiwillige durchs Land ziehen, um die Franzosen in Hausgesprächen nach ihren politischen Zielen und Überzeugungen zu befragen. Aus den Ergebnissen der Umfrage soll bis September ein Aktionsplan entstehen.

Sieht also alles nach einer eigenen Strategie für die Wahlen im nächsten Frühjahr aus. Zumal nun auch noch das Wochenmagazin L'express mit einer langen Titelgeschichte den Bruch zwischen Macron und Präsident François Hollande verkündet. Hollande, der Macron erst zu seinem Wirtschaftsberater und dann zu seinem Wirtschaftsminister ernannte hatte, galt bisher als dessen größter Förderer. Doch inzwischen sind beide aus Sicht vieler Beobachter Konkurrenten geworden.

Wie Trump setzt Macron auf eine Person: sich selbst

Wie Trump kommt Macron aus der Wirtschaft. Wie Trump setzt Macron auf eine Person: sich selbst. Was ihn stark macht, ist sehr schnell zu greifen: Er hat Charisma. Er strahlt aus, in vielfältiger Art und Weise, nicht zuletzt mit einem Kennedy-Lächeln. Gebt ihm eine Bühne – Macron wird sie nutzen!

Am besten spielt er den Propheten des Digitalzeitalters. Kein französischer Politiker kann so wie er den Optimismus von Silicon Valley verkörpern, dass Big Data, soziale Netzwerke und die neuen Dienstleitungsindustrien am Ende auch für jeden armen Schlucker eine bessere Zukunft bereithalten. Einer seiner Kernsätze: "Viele junge Leute finden heute leichter einen Kunden als einen Arbeitgeber." Man spürt dann, dass er als ehemaliger Investmentbanker selbst zur globalen Wirtschaftselite gehörte und ihren Zukunftsglauben in die Digitalisierung teilt. Er versäumt keine Börseneinführung eines ehemaligen Start-ups in Paris, schwärmt davon, dass in der Stadt der Liebe längst mehr Gründerfieber herrsche als im hippen Berlin.

Ein unverbesserlicher französischer Linker

Nur ist er eben von Haus aus ein unverbesserlicher französischer Linker, der die Idee des Gemeinwohls, des sogenannten intérêt général, den schon die 1789er Revolutionäre im Mund führten, wie mit der Muttermilch aufgenommen hat. Er redet ständig davon und leugnet seine Herkunft nicht: "Ich komme von der Linken, ich bin ein Linker und habe Lust, mit Leuten von der Rechten zusammenzuarbeiten." Macron sagt das, obwohl er aus einem bürgerlichen Elternhaus stammt. Vater und Mutter waren Ärzte. Obwohl er die typische Eliteausbildung an Frankreichs Topschulen und -universitäten durchlaufen hat. Obwohl er Partner bei der Pariser Investmentbank Rothschild & Cie war.

Am deutlichsten tritt aber diese linke Haltung hervor, wenn er von Europa spricht und einen "New Deal" für den alten Kontinent fordert. Hier zeigt er, dass die konservative Angebotspolitik, die er für den aus seiner Sicht überregulierten französischen Arbeitsmarkt predigt, für ihn nicht das Maß aller Dinge ist. Etwa die umstrittene Lockerung des Arbeitsrechts, die seine Regierung nur mit einem Misstrauensvotum an diesem Donnerstag durch die Nationalversammlung drücken will. Macron verlangt zusätzlich eine linke Nachfragepolitik von Europa und insbesondere von der deutschen Bundesregierung. Er nennt das dann eine "Solidarisierung der Risiken" innerhalb Europas, für die sich Deutschland öffnen müsse, während er von Frankreich die Aufgabe souveräner Haushaltspolitik verlangt. Der alte Jacques Delors lässt grüßen!

So teilt Macron gegen rechts und links aus und avanciert zum Unikum wie Trump.

Wie ernst seine politischen Gegner ihn bereits nehmen, zeigte sich in der programmatischen Rede von Front-National-Chefin Marine Le Pen zum 1. Mai. Die Führerin der Rechtsextremisten, die bei den Präsidentschaftswahlen nach allen Umfragen den zweiten, entscheidenden Wahlgang erreichen wird, nannte namentlich keinen ihrer möglichen Herausforderer so oft wie Macron. "Die neueste von der Oligarchie produzierte Medienblase ist Macron, er steht für nichts, repräsentiert niemand, hat keinerlei Idee und noch nie gewagt, sich einer demokratischen Wahl zu stellen." So sagte Le Pen. Denn sie hat allen Grund, Macron zu fürchten. Plötzlich ist sie die Alte, die zum politischen Establishment zählt, und er in der ihr so vertrauten Rolle des frechen Außenseiters.

Natürlich weiß heute niemand, wie gut Macron seine neue Starrolle auf Frankreichs politischer Bühne verkraften wird. Ob er Fehler machen wird. Aber er passt in ein Schema, das das vom General Charles de Gaulle geschaffene Präsidialsystem der 5. Republik genau so vorsieht: Einer soll alles richten. So wie einst de Gaulle, dem die Franzosen das zutrauten. Eben deshalb ist der Front National mit seiner One-Woman-Show Le Pen so erfolgreich. Auch sie passt in de Gaulles Schema. Macron verfolgt es auf die tragische französische Revolutionsgeschichte zurück: "Die Demokratie hat immer etwas Unvollständiges", sagte er im letzten Jahr der Pariser Wochenzeitung Numero 1. "In der französischen Politik besteht dieses abwesende Unvollständige aus der Figur des Königs, dessen Tod, da bin ich sicher, die Franzosen nicht wollten." Die Rede war von den Franzosen des Jahres 1792. 224 Jahre später aber scheint Macron immer noch den großen Abwesenden spielen zu wollen.