Am Dienstag landesweite Lkw-Blockaden, am Mittwoch ein brennendes Polizeiauto in Paris, heute gehen die Eisenbahner nicht arbeiten: In Frankreich wird mal wieder gestreikt. Nichts Neues. Das Land ist berühmt für seine Streiks. Und doch ist dieses Mal alles anders: Die Linke streikt gegen die Linke. Nicht wegen der läppischen Arbeitsreform, um die es angeblich geht. Sondern um die Kulturhegemonie innerhalb der Linken. Antikapitalismus: ja oder nein?

Den Deutschen ist die tiefe Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten seit der Weimarer Republik vertraut. Die Unfähigkeit zur Versöhnung war ein Grund für Hitlers Machtübernahme. Doch in Frankreich war alles anders: Da setzte sich 1936 die Volksfront aus Sozialisten und Kommunisten an den Urnen durch und schuf den bezahlten Urlaub. Ein ähnlich spektakulärer Wahlsieg gelang der Linken ein zweites Mal 1981 unter Mitterrand: Erneut brachte er ein Linksbündnis von Sozialisten und Kommunisten an die Macht. Mit den Kommunisten aber war auch die stärkste, lange Zeit fest mit der KP liierte französische Gewerkschaft CGT an die Regierungslinke gebunden.

Kein Wunder also, wenn alle großen Streiks der jüngeren Geschichte unter konservativen Regierungen stattfanden. Genau das ist heute anders. Zum ersten Mal geht die inzwischen zwar geschwächte, aber immer noch stärkste Gewerkschaft CGT auf breiter Front gegen eine sozialistische Regierung vor. Zum ersten Mal zerlegt sich die französische Linke auf eine Art und Weise, die keine Versöhnung mehr zulässt.

Wie ungerecht ist Frankreich?

Hier der unpopuläre, nur noch an seine Wiederwahl im nächsten Jahr denkende sozialistische Präsident François Hollande, der in dieser Woche sagte: "Ich werde bei der Arbeitsreform nicht nachgeben." Dort der um die Bewahrung der historische Rolle seiner Gewerkschaft kämpfende CGT-Boss Philippe Martinez, der nach sechs landesweiten, nicht erfolglosen, aber auch nicht überwältigenden Demonstrationstagen innerhalb von zwei Monaten sagt: "Man muss aufs Volk hören." Dabei ist der Zankapfel Arbeitsreform nicht der Rede wert. Was wirklich wehtat, wie die Quasiabschaffung der Arbeitsgerichtsbarkeit, ist längst aus dem Gesetz gestrichen. Doch es geht eben um viel mehr: Um die Legitimität einer linken Regierung, die unter Hollande vor vier Jahren mit dem Versprechen antrat, nach der großen Krise 2007/2008 die Macht der Finanzwirtschaft zu bekämpfen. Und die sich seither unter dem Druck der Reformerfolge in Deutschland und Nordeuropa einer eher unternehmerfreundlichen Angebotspolitik angepasst hat.

Natürlich ist diese Spaltung der Linken in vielen europäischen Ländern Normalität. Aber in Frankreich ist sie besonders dramatisch. Weil die linke Einheitspolitik hier in der Vergangenheit funktionierte, aber auch weil das Mehrheitswahlrecht einer gespaltenen Linken keine Chance gibt. Schon bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im nächsten Jahr könnte die Linke gegen Rechte und Rechtextremisten ihre Existenz im Parlament verspielen. Doch die französische Dramatik liegt letztlich auch in einem ungebrochenen Widerstandwillen von Teilen der Linken.

Thomas Piketty - "Ungerechte Einkommensverteilung gefährdet die Demokratie"

Nicht umsonst kommt Thomas Piketty mit seinem Bestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert aus Frankreich. Es gibt eben noch immer eine nicht totzukriegende Anzahl von Franzosen, die die Machtverhältnisse im Unternehmen und die Verteilung des Reichtums in unseren Gesellschaften als zutiefst ungerecht empfinden. Die stolz sind, wenn sie ihren Politikern und Managern deshalb eins auswischen können. Ihren Widerstandsgeist zu brechen, wie es Präsident Hollande jetzt vorhat, ist mit erheblichem Risiko verbunden. Denn einen Großteil der einst kommunistisch orientierten französischen Wählerschaft hat der rechtsextremistische Front National (FN) bereits eingefangen. Die aktiven CGT-Leute gehören nicht dazu, aber schon unterstützt der FN ihren Protest gegen die Arbeitsreform. Es wäre verheerend, wenn am Ende eines gescheiterten CGT-Streiks und einer weiteren Marginalisierung der Gewerkschaften der FN das gesamte französische Protestmilieu an sich binden kann.

Auch in den 1930er Jahren hätte die Geschichte in Frankreich anders ausgehen können, auch in Frankreich gab es damals, befeuert aus Deutschland und Italien, starke faschistische Bewegungen, die an die Macht drängten. Nur die kluge Politik des jüdischen sozialistischen Reformers Léon Blum und die der Komintern vorgreifenden Linksbündnis-Politik des französischen KP-Chef Maurice Thorez ermöglichten 1936 die Volksfront. Doch dieses Erbe ist heute vergessen. Noch nimmt die französische Linke Le Pen nicht ernst und zerfleischt sich lieber selbst. Die Deutschen wissen, wie teuer das kommen kann.