Der Aufschwung wirkt! Das könnte man zumindest glauben, wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Tage und Wochen anschaut. "Metaller erhalten 4,8 Prozent mehr Lohn." "Bauarbeiter bekommen mehr Geld." "Tarifparteien im öffentlichen Dienst einigen sich auf deutliche Lohnerhöhung." Mehrere Millionen Beschäftigte aus gleich drei großen Branchen können sich über teils deutliche Lohnerhöhungen freuen. Sieht es für alle so positiv aus? ZEIT ONLINE erklärt die Entwicklung in drei Grafiken.

Seit Anfang des Jahrtausends steigen in Deutschland die Gewinneinkommen deutlich stärker als die Löhne und Gehälter. Jahrelang haben sich die Beschäftigten mit geringen Lohnzuwächsen zufriedengegeben. Für viele Ökonomen hat diese Bescheidenheit die deutsche Wirtschaft deutlich wettbewerbsfähiger gemacht und so den Boom am Arbeitsmarkt ermöglicht. Immerhin ist die Zahl der registrierten Arbeitslosen von über fünf auf nunmehr unter drei Millionen gesunken. Der unschöne Nebeneffekt: Der Anteil der Lohneinkommen am gesamten Volkseinkommen ist seit Ende der neunziger Jahre zurückgegangen.

Seit 2008 steigen die Löhne wieder stärker. Es habe eine "Wende in der Tarifpolitik gegeben", sagt Hagen Lesch, Leiter des Bereichs Tarifpolitik beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Die Gewerkschaften könnten vor dem Hintergrund eines robusten Arbeitsmarktes schon rein psychologisch anders in die Tarifverhandlungen gehen als in den 2000er Jahren, sagt Lesch. Denn in vielen Branchen herrsche bereits ein Mangel an Fachkräften.

Das Problem: Nicht alle Beschäftigten profitieren von der neuen Stärke der Gewerkschaften und den höheren Abschlüssen. Eine reine Betrachtung der Tarifabschlüsse verdecke, dass es in vielen Bereichen gar keine Lohnerhöhungen gegeben habe, sagt Dorothee Spannagel von der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung. Gerade im Niedriglohnsektor werde noch häufig nicht nach Tarif gezahlt. Der Organisationsgrad ist gering und es existiert oft kein Flächen- oder Haustarifvertrag. In Westdeutschland liegt die Tarifbindung beispielsweise nur noch bei etwa 60 Prozent. Im Osten sind es sogar nur 47 Prozent.

Deutlich wird die Spaltung am Arbeitsmarkt, wenn man sich anschaut, wie sich alle Löhne in Deutschland im Verhältnis zu den Tariflöhnen entwickelt haben. Während die Tariflöhne real Jahr für Jahr zugenommen haben, sind die Bruttolöhne insgesamt sogar lange gesunken. Die nicht-tariflichen Löhne hätten der allgemeinen Entwicklung einige Jahre lang hinterhergehinkt, sagt Arbeitsmarktexperte Lesch. "Seit 2009 steigen sie aber teilweise wieder stärker an als die Tariflöhne." Wie die Grafik unten zeigt, lagen die Bruttolöhne erstmals 2014 wieder über dem Niveau von 2003. Die Tariflöhne sind dagegen im gleichen Zeitraum um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Durch den Aufschwung der vergangenen Jahre und die Arbeitsmarktreformen – die Agenda 2010 – haben viele Menschen wieder einen Job gefunden. Häufig seien sie aber im Niedriglohnsektor beschäftigt, erklärt Ökonom Lesch. Diese niedrigen Verdienste dämpften die gesamte Lohnentwicklung. Lesch ist aber trotzdem optimistisch: Aus verschiedenen Branchen sei zu hören, dass sich die nicht-tarifgebundenen Betriebe mehr und mehr an den Tariflöhnen orientieren müssten. "Wenn sie nicht mitmachen, bekommen sie einfach keine Fachkräfte mehr", sagt Lesch.

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