Die TV-Nachrichten bringen es zur Hauptsendezeit, Bürger diskutieren am Biertisch, die deutsche Regierungskoalition ist gespalten: Selten wurde in der breiten Öffentlichkeit so intensiv über eine Praxis der Landwirte gestritten wie derzeit über das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Gerade hat die EU-Kommission in Brüssel die Neuzulassung Totalherbizids um ein weiteres Mal vertagt, auf unbestimmte Zeit. Aber ein Verbot ist keineswegs mehr ausgeschlossen – und was dann?

Diese Frage treibt die meisten Stadtpflanzen bei ihren hitzigen Debatten über eine mögliche Krebsgefahr verständlicherweise zunächst weniger um – während sie viele Landwirte vor größere Probleme stellt. Welche Alternativen haben sie beim Kampf gegen Unkräuter und -gräser, mit welchen Folgen und zu welchen Kosten? Schließlich hat Glyphosat für die Arbeit auch deutscher Höfe einen immensen Stellenwert, ob bei Raps, Weizen oder Gerste, Zuckerrüben oder Körnerleguminosen.

Er ist zwar deutlich geringer als in Ländern wie den USA oder Argentinien, wo ein Großteil der gentechnisch veränderten Pflanzen auf Glyphosat regelrecht angewiesen ist. In Europa wachsen sie nennenswert nur in Spanien, marginal auch in Portugal und einigen Regionen Osteuropas.

Doch auch hierzulande werden jedes Jahr 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen mit bis zu 5.000 Tonnen des Totalherbizids besprüht, vor allem bei Raps, Zuckerrüben, Wintergerste und -weizen, Körnerleguminosen, teils auch im Obstanbau. Und so ein Renner ist Glyphosat eben nicht nur, weil es besonders breitflächig wirkt, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. "Komfortabel und preisgünstig", so nennen es viele Bauern, wenn sie nur einmal vor der Ernte spritzen müssen und sich die Unkrautbekämpfung danach erledigt hat. Was also, wenn diese Rationalisierungstechnologie entfiele? Die Folgen schätzen Experten ganz unterschiedlich ein. 

Chemieeinsatz gegen Bodenerosion

"Große ungelöste Probleme" kämen auf ihn und seine Kollegen zu, meint etwa Carl-Christian von Plate, Landwirt in Niedersachsen und in der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) engagiert. Beispielsweise werde das Mittel auch beim Anbau von Zwischenfrüchten eingesetzt, die positive Auswirkungen auf den Boden und seine Fruchtbarkeit haben. Was von deren Aufwuchs übrig bleibt, müsse jedoch vor der Saat der nachfolgenden Hauptkultur – etwa Weizen – wieder beseitigt werden. "Können Landwirte das weiterhin chemisch machen", meint von Plate, "dann verbleiben die organischen Rückstände an der Oberfläche und dienen dem Schutz vor Erosion." Ohne Chemie hingegen müsse der Landwirt wieder zum Pflug oder Grubber greifen, um die Pflanzenreste "quasi zu beerdigen". Das aber koste nicht nur ein Vielfaches an Energie, meint von Plate. Schlimmer noch seien negative Auswirkungen auf das Bodenleben, außerdem die Lockerung des Ackerbodens und damit verbunden die Gefahr, dass dieser "beim nächsten starken Regenguss oder Gewitterschauer unwiederbringlich hinweggeschwemmt wird. Erosion ist alles andere als nachhaltig!"

Glyphosat - Diskussionen um Unkrautvernichter Die EU will diese Woche über die Neuzulassung von Glyphosat entscheiden. Unklar ist bislang, ob das Unkrautvernichtungsmittel krebserregend ist oder nicht.

Dass sich Glyphosat als Instrument einer "konservierenden Bodenbearbeitung" zum Standard entwickelt habe, bestätigt eine Studie der Universität Gießen. Sollte diese Option entfallen, sehen die Forscher für Deutschland einen Anstieg der Betriebskosten für Maschinen und Arbeit um fünf bis elf Prozent voraus. Überdies rechnen sie damit, dass nach einem möglichen Glyphosat-Verbot wieder mehr Unkrautvernichtungsmittel gespritzt werden könnten, denn viele andere Pestizide sind weniger wirksam. Trotzdem würden die Landwirte zugleich um 4,3 bis 7,1 Prozent geringere Erträge erzielen, meinen die Gießener Forscher. Weil deshalb mehr Getreideeinfuhren für Nahrungs- und Futtermittel nötig würden, müsse die gesamte Europäische Union mit einem jährlichen Wohlfahrtsverlust von 1,25 Milliarden Euro rechnen. Solche Daten sind allerdings eher mit Vorsicht zu genießen. Manchen Forscherkollegen gelten sie als überhöht.

Eine Göttinger Untersuchung schätzt die Kosten für die zusätzliche Bodenbearbeitung und andere Herbizide allein für Deutschland auf zwischen 80 und 200 Millionen Euro pro Jahr. Auch das Julius Kühn-Institut erwartet höhere Belastungen für den Einsatz von Pflug und Grubber – allerdings keineswegs gleichermaßen an jedem Standort. Die Wissenschaftler dieses Bundesinstitutes halten ein Glyphosat-Verbot "unter bestimmten Bedingungen" auch wirtschaftlich für umsetzbar. Vor einer großen Herausforderung sehen sie dann neben dem Winterweizen den Anbau von – freilich mengenmäßig weniger bedeutsamen – Dauerkulturen wie Äpfeln. Da sei die mechanische Bearbeitung der Böden so aufwändig und teuer, dass "ein vollständiger Verzicht" auf das Unkrautgift "wirtschaftlich kaum vertretbar" erscheine. Ähnlich schwierig werde es im Weinbau, wo die Trauben an steilen Hängen wachsen. Auch dort bekommen viele Winzer die Erosion ohne Glyphosat nur mit deutlich höherem Aufwand in den Griff.

Auch Glyphosat schadet der Biodiversität

Unklar ist, ob sich die möglichen Mehrkosten als Einbuße auf den Konten der einzelnen Bauern niederschlagen würden oder in – freilich nur geringfügig – höheren Preisen. Viele der wirtschaftlich schon jetzt gebeutelten Bauern befürchten, dass Verbraucher zwar kein Gift mögen – aber für diesen Wandel nicht bezahlen wollen.

Allerdings könnte das ohnehin nur kurzfristig nötig sein. Gerade das Beispiel Weinbau zeigt: Der Druck eines Glyphosat-Entzugs könnte künftig auch ganz neue technische Alternativen voranbringen. So entwickeln Biowinzer bei ihrem Kampf gegen unerwünschte Kräuter und Gräser bereits gemeinsam mit Wissenschaftlern und Landmaschinenfirmen Agrarroboter, die ihnen die mühsame Arbeit des Jätens abnehmen sollen. Klein, wendig und autonom gesteuert könnten solche Minimaschinen am Weinberg durch die Reihen ziehen. Mit fein abgestimmten Sensoren erkennen die ersten Prototypen, welche Störenfriede nicht zwischen die Rebstöcke gehören – und entfernen sie gezielt.

Dauereinsatz von Glyphosat nicht zwingend

Wenn solche Innovationen zur Unkrautbekämpfung bisher noch nicht wirklich marktreif seien, liege das nicht zuletzt daran, dass die geringe Anzahl potenzieller Kunden im Biogeschäft bei den Landmaschinen-Herstellern nur geringes Interesse wecke, meint Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes für ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Kämen aber nach einem Glyphosat-Entzug auch die konventionellen Winzerkollegen hinzu, dann werde die Entwicklungsarbeit der technischen Erntehelfer eher attraktiv. Und warum sollte das nicht für andere Kulturen auch auf dem Acker gelten? Der Verbandschef, selbst Biobauer, klingt mittelfristig optimistisch: "In zehn Jahren werden wir bei der Unkrautbekämpfung über Herbizide gar nicht mehr reden." Wie viele Grüne sieht zu Löwenstein die Glyphosat-Debatte nicht zuletzt als Ausdruck eines großen Paradigmenwechsels: "Wir können Fehler der Landwirtschaft nicht auf Dauer mit Chemie wiedergutmachen."

Die ökologischen Folgen des Pflugeinsatzes schätzt zu Löwenstein im übrigen deutlich geringer ein als die konventionellen Kollegen. Biobauern seien daran gewöhnt, Beikräuter und unerwünschte Gräser nur "flach und oberflächlich einzuarbeiten". Das wirke der Erosion meist ausreichend vor. Wirtschaftliche Erwägungen dürften überdies nicht bei den kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kalkulationen der Landwirte haltmachen. Denn auch Glyphosat schade der Biodiversität und der Lebendigkeit des Bodenlebens – und damit der langfristigen Wirtschaftlichkeit.

Auch die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft relativiert in einem Papier die wirtschaftlichen Zwänge, die Bauern für den Glyphosat-Einsatz ins Feld führten. Sie hätten zumindest "nicht in allen Fällen ihre Berechtigung". Die Fachleute der DLG meinen, dass mit der richtigen Kombination aus erweiterten Fruchtfolgen, passenden Sorten, dem günstigsten Zeitpunkt für die Aussaat, der mechanischen Bodenbearbeitung und einem sehr gezielten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln "oft mehr erreicht werden kann als über den Dauereinsatz von Glyphosat". Das fordere zwar den Leitern eines landwirtschaftlichen Betriebes mehr Geschick und Wissen ab. Solche professionellen Künste aber bedeuteten letztlich sogar mehr ackerbauliche – und damit auch wirtschaftliche – Sicherheit.