Die große europäische Kompromissmaschine hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet: Griechenland bekommt frisches Geld, der Internationale Währungsfonds (IWF) beteiligt sich weiter an den Rettungsprogrammen und Wolfgang Schäuble muss zumindest vor der Bundestagswahl keine Schuldenerleichterungen durch den Bundestag bringen.

Wie die Quadratur des Kreises gelungen ist? Durch eine einfache zeitliche Operation: Die vom IWF geforderten und von Schäuble abgelehnten Schuldenerleichterungen werden erst im Jahr 2018 beschlossen. Das ermöglicht es allen Beteiligten, ihr Gesicht zu wahren – wobei der Währungsfonds wohl am weitesten von seiner Linie abweichen musste.

Ist Griechenland nun gerettet? Das hängt davon ab, ob die Griechen und die Europäer aus den Fehlern der vergangenen Jahre lernen.

Wer weiß schon, was in 40 Jahren los ist?

Denn Schäuble hat ja recht: Es mag dramatisch klingen, wenn der IWF für das Jahr 2060 eine Schuldenquote von knapp 300 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung vorhersagt, aber vielleicht spielen Schulden bis dahin keine Rolle mehr, weil die Menschheit Roboter erfunden hat, die alle materiellen Bedürfnisse befriedigen oder schwunghaften Handel mit einer fernen Galaxie betreibt. Mit anderen Worten: Was im Jahr 2060 in Europa los ist, kann heute niemand sagen und eine Prognose über einen derart langen Zeitraum sollte nicht das heutige Handeln bestimmen.

Gewiss: Die Investoren werden den Griechen nur wieder frisches Geld leihen, wenn sie davon ausgehen können, dass das Land in der Lage ist, dieses Geld auch wieder zurückzuzahlen. Das geht nur, wenn nicht schon der gesamte Haushalt in den Schuldendienst geht. Aber soweit in die Zukunft reicht ihr Horizont erstens nicht, und im Moment spürt Griechenland zweitens die hohe Schuldenlast kaum, weil die Kreditkonditionen – also die Zinsen und die Rückzahlungsfristen – noch extrem günstig sind. Und dass den Griechen zumindest ein Teil ihrer Schulden erlassen werden muss, wenn diese Sonderkonditionen auslaufen, ist ohnehin offensichtlich.

Die Schuldendebatte war deshalb von Anfang an ein Ablenkungsmanöver. In Wahrheit geht es um etwas ganz anderes: Um die Frage nämlich, welche Sparziele Griechenland einhalten muss. Die Europäer bleiben hier hart: Sie wollen, dass die Griechen einen Haushaltsüberschuss von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erwirtschaften.

Voraussetzung für wirtschaftliche Genesung

Das haben bislang nur sehr wenige Länder dauerhaft geschafft und es würde – wie der IWF anmerkt – aus Griechenland wohl endgültig einen failed state machen. Dass das Land so tief im Schlamassel steckt, liegt ja auch daran, dass die Gläubiger zu mechanistisch auf die Einhaltung von Sparzielen geachtet haben, wo doch grundlegende Reformen viel wichtiger wären. Der Währungsfonds empfiehlt deshalb einen Überschuss von nur 1,5 Prozent – und das ist wiederum ein Grund für seine Prognose einer stark steigenden Staatsschuldenquote.

Es ist deshalb heute schon absehbar, dass die Griechen irgendwann einräumen müssen, dass sie die ambitionierten Ziele nicht erreicht haben. Die Frage ist, wie die Europäer dann reagieren. Bleiben sie hart, dann eskaliert die Krise wieder. Geben sie nach, dann ist eine Voraussetzung für die wirtschaftliche Genesung des Landes gegeben.

Die zweite Voraussetzung wäre, dass die griechische Regierung tatsächlich reformiert. Um den Druck aufrechtzuerhalten, könnte man die nötigen Schuldenerleichterungen an die Umsetzung von Reformen koppeln. Das war auch der Ansatz bei den Entschuldungsprogrammen für viele Entwicklungsländer. Es hat dort ganz gut funktioniert, und Griechenland ist immer noch – was die Qualität seiner öffentlichen Institutionen angeht – nicht weit entfernt von einem Entwicklungsland.