Mit ihrer Milch verdienen viele Bauern schon lange nicht mehr genug. Der Milchpreis ist so niedrig, dass mancher nicht einmal mehr seine Kosten decken kann, es geht an die Existenz. Die Politik verspricht nun Entlastung. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt traf sich mit Bauernvertretern, Abgesandten von Molkereien und Handel – das Ergebnis: mindestens 100 Millionen Euro Soforthilfen will der Bund aufbringen. Ein "Weiter so" werde es nicht geben, versprach Schmidt.

Wenn das mal stimmt. Denn die Milchkrise wird mit 100 Millionen Euro und einem begleitenden "Branchendialog" nicht verschwinden. Es gibt eben zu viel Milch! Weltweit ist die EU der größte Milchproduzent, und innerhalb der EU führt Deutschland die Produktionsrangliste an. Weil hierzulande weit mehr Milch hergestellt als verbraucht wird, muss sie exportiert werden. Das russische Embargo und die sinkende Nachfrage Chinas machen das gegenwärtig schwierig, aber da geht es den Milchbauern nicht anders als anderen vom Export abhängigen Brachen – etwa der Automobilindustrie.

Der zwischenzeitliche Versuch der Bauernlobby, mit Verweis auf die Förderung von Elektroautos nun auch staatliche Unterstützung für die Milchbauern zu bekommen, ist nur mit einem gedanklichen Kurzschluss in einer emotionalen Debatte zu erklären. Eine falsche Subvention (die von Elektroautos) rechtfertigt nicht zwangsläufig eine andere. Zumal zu geringe Agrarsubventionen ja nun wirklich nie zu den Hauptproblemen Europas zählten.

Niemand senkt aus Mitgefühl die Preise

Die Zahl der Betriebe sinkt seit Jahren, und das dürfte so weitergehen. Vor allem kleine Höfe produzieren zu viel zu hohen Kosten, und für jeden Familienbetrieb, in dem alle Mitglieder trotzdem 60 Stunden pro Woche schuften, sind das schlimme Nachrichten. Dennoch ist der Preis letztlich immer das Ergebnis des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage. Lebten wir – nur ein Gedankenspiel – in einer Mangelwirtschaft, die manche vielleicht noch aus den Nachkriegsjahren kennen, dann würden die meisten Bauern auch nicht aus purem Mitgefühl die Preise senken. Und gegen die Subventionierung der europäischen Agrarexporte in Entwicklungsländer haben die Landwirte auch nicht übermäßig laut protestiert, obwohl dadurch jahrzehntelang kleinbäuerliche Existenzen in Afrika zerstört wurden. Es ist eben alles eine Frage der Position.

Aus der individuellen Perspektive heraus hat jeder einzelne Milchbauer getan, was er für richtig hielt. Das kann man ihm nicht vorwerfen. Auch den Verbrauchern kann niemand vorhalten, preiswert einzukaufen. Mehr Geld an der Supermarktkasse auszugeben, bedeutet ja auch nicht zwangsläufig, dass mehr beim Bauern ankommt – die Verbraucherorganisation Foodwatch hat das anhand mehrerer Stichproben belegt. Etwas besser war die Lage allenfalls bei den Bauern, die Biomilch produzierten.

In ein paar Jahren wieder von vorn

Und der Handel? Ist in der Tat ein Thema. Schon heute entfallen fast drei Viertel aller Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel auf fünf große Konzerne. Und mehr Größe bedeutet mehr Marktmacht, auch gegenüber den Lieferanten. Aber hatte man nicht vor wenigen Monaten noch über die Ministererlaubnis für die Übernahme von Tengelmann durch Edeka gestritten? Hatte nicht das Kartellamt gewarnt, dass Deutschlands größter Lebensmittelhändler dann noch weit mächtiger werden würde? Hatte die Monopolkommission nicht darauf hingewiesen, dass darunter besonders die Lieferanten leiden würden? Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel erlaubte die Übernahme trotzdem, um Tausende Arbeitsplätze im Handel zu erhalten.

Schon klar, Gabriel ist nicht Schmidt – anderer Mann, andere Partei. Aber dieselbe Regierung! Und beides, die Ministererlaubnis und die Ergebnisse des Milchgipfels, sind ein Beispiel dafür, dass einzelne politische Eingriffe immer auch direkte und mittelbare Folgen haben.

Für die Milchbauern bedeutet das Ergebnis des heutigen Gipfels nur eine Krisenpause. In ein paar Jahren geht das wieder von vorn los. Denn steigt die Nachfrage nicht, wird die Milchmenge sinken. So oder so.