ZEIT ONLINE: Etwa jeder zweite Österreicher hat am Sonntag den Kandidaten einer rechtspopulistischen Partei gewählt. Herr Schulmeister, wie hat die Wahl Österreich verändert?

Stephan Schulmeister: Die Wahl wird das Land zum Besseren verändern, denn das Warnsignal an die etablierten Parteien ist gewaltig. Die Koalitionsparteien ÖVP und SPÖ scheinen verstanden zu haben, dass sie zwingend wesentliche Elemente ihrer früheren Identität wiederfinden müssen.

ZEIT ONLINE: Welche Elemente meinen Sie?

Schulmeister: Früher galt der Primat der Politik. Die Sozialdemokraten haben gesagt: Wir können und werden die Welt verändern. Heute kommt dieser Satz von den Rechtspopulisten. Die Sozialdemokraten haben sich dagegen dem Neoliberalismus unterworfen und sagen: Wir müssen uns den Marktkräften beugen.

Auch Solidarität, Zusammenhalt, soziale Wärme sind frühere sozialdemokratische Werte, die die Rechtspopulisten mit großem Geschick übernommen haben. Sie sprechen reale Bedürfnisse der Menschen an. Die Traditionsparteien haben es verlernt, diese Sorgen wahrzunehmen. Es ist nicht so, dass 50 Prozent der Österreicher Rechtspopulisten sind. Aber viele haben das Gefühl, dass etwas fundamental falsch läuft. In dieser Situation haben viele eben Norbert Hofer gewählt.

ZEIT ONLINE: Österreichs Wirtschaft steht gut da, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Trotzdem sagen zwei von drei Hofer-Wählern, für ihre Wahlentscheidung sei wichtig gewesen, dass Norbert Hofer "die Sorgen von Menschen wie mir" verstehe. Sind diese Sorgen real?

Schulmeister: Durchaus. Schauen Sie sich den Arbeitsmarkt an: Die Arbeitslosenquote ist in Österreich niedriger als der europäische Durchschnitt, aber für die Erwerbstätigen haben sich die Qualität der Arbeit und die Lohnhöhe verschlechtert. Vor allem, wenn man nicht nur die letzten zwei, drei Jahre betrachtet, sondern die vergangenen 20 bis 30 Jahre.

ZEIT ONLINE: Warum schaffen es die etablierten Parteien nicht, sich auf ihre früheren Werte zu besinnen?

Schulmeister: Die Umkehr fällt so schwer, weil seit 40 Jahren eine wirtschaftswissenschaftliche Weltanschauung dominiert, der Neoliberalismus. Inzwischen wurde mehr als eine Generation von Ökonomen in dieser Weltanschauung ausgebildet, und die sitzen jetzt überall: in den Wirtschaftsredaktionen, in den Vorzimmern der Minister, in der Europäischen Kommission, der EZB und so weiter.

Und diese Eliten erweisen sich als unglaublich lernresistent. Das hat die Finanzkrise 2008 gezeigt. Erst hat man beteuert, man werde aus der Krise lernen – doch schon nach wenigen Monaten ist man ins alte Denkmuster zurückgefallen. Die Politik entmachtet sich selbst, indem sie sich dem Markt unterwirft.

ZEIT ONLINE: Was kann ein einzelnes Land gegen die Marktkräfte der Globalisierung tun?

Schulmeister: Gerade das ist ja Teil der Selbstentmachtung, dass die Politik sich einredet, man könne gegen globalisierte Finanzmärkte nichts tun. Das ist vollkommen falsch. Es ginge viel schneller und leichter, als man glaubt – vorausgesetzt, man hat die bisherigen Fehler eingesehen und ist bereit, umzusteuern. Ideal wäre ein "New Deal" für Europa mit dem Fokus auf Sozialstaatlichkeit, Bildung, gerechtere Verteilung von Einkommen, Vermögen und Entfaltungschancen, besonders der Jungen, sowie Umwelt.

In vielen Bereichen könnten einzelne Länder vorangehen. Wenn sich Deutschland das Ziel setzte, über 10 bis 15 Jahre den gesamten Gebäudebestand thermisch zu sanieren, würden pro Jahr fast eine Million Arbeitsplätze entstehen. Auch in der Verteilungsfrage gibt es Spielräume, ohne "Krieg gegen die Reichen" zu führen. Und erst recht in der Eindämmung prekärer Jobs.

ZEIT ONLINE: Aber die Rechtspopulisten formulieren ja keine Kritik an der von Ihnen skizzierten Marktgläubigkeit, sondern wettern gegen den Islam und gegen Flüchtlinge.

Schulmeister: Das sehe ich nicht so. Ein Beispiel: Die Kampagne gegen TTIP wird auch von den Rechtspopulisten geführt, und sie richtet sich klar gegen die Marktliberalisierung. Herr Hofer hat das in seinem Wahlkampf auch ganz oft angesprochen. Im Moment ist die Finanzkrise nicht akut, darum setzen die Rechtspopulisten für die Sündenbock-Rolle aktuell eher auf die Flüchtlinge als auf die Finanzmärkte. Aber die antimarktliberale Haltung ist bei den Rechtspopulisten sehr wohl zu finden.