Die Zahlen erschrecken: Fast 46 Millionen Menschen weltweit sollen in Sklaverei leben – mehr als ein Drittel davon in Indien, weitere Millionen in China, Pakistan und Bangladesch. In Nordkorea ist angeblich jeder Zwanzigste versklavt, und es gibt Berichte, denen zufolge die Regierung Zwangsarbeit billigt. Selbst in Europa leben Sklaven. Für Deutschland wird ihre Zahl auf 14.500 Menschen geschätzt, umgerechnet 0,02 Prozent der Bevölkerung. Das sind etwa so viele wie in anderen westeuropäischen Ländern.

Zu diesem Ergebnis kommt die australische Walk Free Foundation, die seit 2013 das Ausmaß der globalen Sklaverei schätzt und in einem Index ordnet. Die Stiftung versteht darunter Zwangsarbeit in Minen, Fabriken und in der Landwirtschaft sowie Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Vor zwei Jahren kam Walk Free noch auf 36 Millionen Sklaven weltweit. In Europa sind der Stiftung zufolge vor allem Zwangsarbeit und Zwangsprostitution ein Problem.

Der starke Anstieg der Zahlen sei auf bessere Methoden der Datenerhebung zurückzuführen, sagt Andrew Forrest, der Gründer von Walk Free. Er fürchte aber, dass die Situation sich auch tatsächlich verschlechtere, denn globale Vertreibung und Migration bringe Menschen in eine Zwangslage, die sie verwundbar mache für alle Formen der Sklaverei. "Wir müssen klarstellen, dass wir Sklaverei nicht tolerieren, und wenn es in einem Regime Sklaverei gibt, sollten wir mit ihm keinen Handel treiben", sagt Forrest.

Der Bergbauunternehmer und Milliardär glaubt, dass die Wirtschaft eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Versklavung spielen sollte. In seinem eigenen Unternehmen Fortescue Metals habe er die "Zulieferketten extensiven Audits unterzogen, um jede Form von Sklaverei zu eliminieren", sagte eine Sprecherin.

Wie misst man Sklaverei?

Doch sein Index wird von manchen Forschern scharf kritisiert. Sie sagen, die Zahlen von Walk Free seien fehlerhaft erhoben. Für die aktuelle Ausgabe des Walk-Free-Index hat das Umfrageinstitut Gallup mit 42.000 Menschen in 25 Ländern Gespräche geführt und die Ergebnisse dann auf andere Länder "mit einem ähnlichen Risikoprofil" übertragen. Auch die Informationen über Nordkorea wurden teilweise durch eine solche Extrapolation gewonnen. 

Harte Daten seien zweifellos schwer zu bekommen, kontert Walk Free. Aber wenn man nicht versuche, das Problem zu erfassen, verhindere man wirksame Gegenmaßnahmen. 

Doch genau das ist auch der Punkt der Kritiker. Wenn man falsch messe, dann gingen womöglich auch die politischen Gegenmaßnahmen in die falsche Richtung, sagen sie. "Wo beginnt Zwangsarbeit, wo hört sie auf?", fragt Julia O'Connell Davidson, die an der Uni Bristol über moderne Sklaverei forscht. "Es ist sehr schwer, da eine exakte Linie zu ziehen." Oft seien die Übergänge fließend, die Grenze gar nicht zu bestimmen. Die Folge: "Die Definition von Sklaverei selbst ist schon politisch." Der Index aber spiegle eine Exaktheit vor, die gar nicht möglich sei, und versuche so, das Handeln der Politik zu leiten. 

Zum Beispiel, wenn er die Verschuldung eines Arbeiters als Proxy für Schuldknechtschaft, also Sklaverei, nimmt. "Die meisten Arbeitsmigranten verschulden sich bei einer Agentur, weil die Bürokratie, die mit dem Visum zusammenhängt, sie überfordert", sagt O'Connell Davidson. "Später müssen sie ihre Schulden zurückzahlen – und selbstverständlich bindet sie das im Ausland an ihren Arbeitgeber." Aber ist das in jedem Fall schon Sklaverei? Für viele Arbeiter zum Beispiel auf katarischen Baustellen würde man die Frage wohl bejahen.