Seit Jahren rechnen Manager wie Christoph Eltze damit, dass es bald losgeht. Dass ihr Angstgegner kommt. Sie warten darauf, dass er den deutschen Lebensmittelhandel aufmischt – Stück für Stück. Eltze, modische Hornbrille, modischer Bart, ist einer der Geschäftsführer von Rewe Digital, dem Internetableger des Handelskonzerns, der in einem alten Kölner Industriegebäude residiert, einem Loft mit gläsernen Besprechungsräumen. Von hier aus "begleiten wir Rewe in die Onlinezukunft", sagt Eltze. Hier planen er und sein Team die Strategie für eine Zeit, in der sich das Unternehmen auf den neuen Eindringling vorbereiten muss: auf den US-Internetkonzern Amazon.

"In der Branche hat man Schweißperlen auf der Stirn", sagt Gerrit Heinemann, Handelsprofessor an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Schweißperlen, die gerade wohl noch schneller rinnen: Experten erwarten schon länger, dass Amazon in Deutschland seine neue Sparte Fresh ausrollen könnte, den Lieferdienst für frische Lebensmittel. Seit Oktober vergangenen Jahres bietet der US-Onlinehändler hierzulande bereits haltbare Produkte wie Chips an. Jetzt mehren sich auch die Anzeichen, dass Fresh tatsächlich bald loslegt. Das Manager Magazin und die Süddeutsche Zeitung melden, im Herbst dieses Jahres könnte der Bringservice in Berlin starten, München und das Ruhrgebiet könnten folgen. Amazon bestätigt die Berichte nicht – dementiert sie aber auch nicht.

Bisher beherrschen Aldi und Lidl, Edeka und Rewe den deutschen Lebensmittelmarkt, der etwa 170 Milliarden Euro schwer ist, wie Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigen. "Im Einzelhandel ist die Branche die letzte Bastion, in der das Internet kaum eine Rolle spielt", sagt Martin Fassnacht, Professor für Marketing und Handel an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Nur etwa ein Prozent ihres Umsatzes machen die Lebensmittelunternehmen im Netz. Amazon könnte jetzt wie ein Katalysator das Wachstum des Onlinehandels beschleunigen und die Frage aufwerfen, wie wir Deutschen in Zukunft Gemüse und Obst, Fisch und Fleisch einkaufen wollen – und wer daran verdient.

Riesige Auswahl, hohe Lieferkosten

Um zu verstehen, warum Amazon den deutschen Lebensmittelgrößen so zusetzen könnte, muss man einen Blick ins Ausland werfen, in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien. Seit einigen Jahren bietet der Onlinekonzern bereits seinen Lieferdienst in mehreren US-Großstädten wie Seattle und New York an. Im Vereinigten Königreich startete Fresh erst in der vergangenen Woche in einigen Stadtbezirken Londons – es ist das erste Mal überhaupt, dass sich der Bringservice nach Europa wagt.

In der britischen Hauptstadt bietet das Techunternehmen den Lieferdienst nur Nutzern von Amazon Prime an, einer speziellen Mitgliedschaft, die pro Jahr umgerechnet etwa 100 Euro kostet und besonders schnelle Zustellungen ermöglicht. Für Fresh müssen die Kunden noch einmal jährlich etwa 100 Euro zusätzlich zahlen. Ein kleiner Luxus. In Deutschland allerdings könnten die Gebühren geringer sein, weil auch Amazon Prime hier weniger kostet. Die Kunden können in Großbritannien allerdings aus 130.000 Lebensmitteln wählen – das sind mehr als zehn Mal so viele Waren, wie ein normaler Rewe in seinen Auslagen offeriert.

Bei Rewe im Angebot: 12.000 Produkte

"Die Branche hinkt teils dramatisch hinterher", sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann. Aldi bietet gar keinen Onlineshop für Lebensmittel an. Bei Edeka konnte sich gerade einmal eine von sieben Regionalgesellschaften dazu durchringen, einen Internetverkauf aufzuziehen. Lidl verschickt zurzeit nur haltbare Lebensmittel wie Nudeln, die die Kunden im Netz aussuchen können. Rewe ist am weitesten und liefert in ausgewählten Großstädten auch frische Produkte bis an die Haustür.

Manager Christoph Eltze sitzt in seinem Konferenzraum und hat eine Power-Point-Präsentation an die Wand gebeamt. Auf einer der Folien ist eine Deutschlandkarte abgebildet, einige Städte wie Köln, Frankfurt, Berlin und umliegende Kreise sind rot markiert: Dort bietet Rewe seinen Bringservice an, teils bereits seit fünf Jahren. "Der Lieferdienst ist das Herzstück unserer Onlinestrategie", sagt Eltze. Im Angebot bisher: 12.000 Produkte.

Amazon dagegen kann nicht nur ein größeres Lebensmittelsortiment auffahren, der US-Konzern bietet gleichzeitig auch Bücher, Laptops und Kleidung an. "Dadurch spart der Kunde Zeit, weil er für verschiedene Waren nicht mehr verschiedene Websites besuchen muss", sagt WHU-Professor Martin Fassnacht. Der Onlinehändler könnte ein eigenes Einkaufsuniversum schaffen: einmal hin, alles drin – der Werbespruch der Handelskette Real könnte bald auch zu Amazon passen.

Die Strategie würde es dem US-Unternehmen ermöglichen, im schwierigen deutschen Lebensmittelmarkt mitzuhalten: Die Discounter haben über Jahrzehnte heftige Preiskämpfe angezettelt, dass die Margen nicht weit über einem Prozent liegen. Mickrig. "Für die etablierten Händler ist es schwierig, da die Zusatzkosten eines Lieferdienstes zu verdienen", sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.