Die Brexit-Debatte wird wenige Tage vor der Abstimmung noch schriller. In grellen Farben malen beide Seiten die negativen Folgen eines Austritts oder eines Verbleibs in der EU aus. Die Nachteile eines Ausscheidens für das Land und für die Union sind oft beschrieben worden. Für Europa bietet der Brexit aber durchaus eine Chance.

Die britische Mitgliedschaft in der EU, ursprünglich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), ist immer ein Missverständnis gewesen. Die Briten dachten nur an den gemeinsamen Binnenmarkt und glaubten, die Kontinentaleuropäer würden das mit der ever closer union, also einer ständigen Fortsetzung der europäischen Integration, nicht so ernst meinen. Und die Festlandeuropäer hofften, die Briten würden sich, einmal am gemeinsamen Tisch, für diese Idee erwärmen.

Getäuscht haben sich beide Seiten. So gesehen ist das Austrittsreferendum, aus welchen Motiven auch immer David Cameron es angesetzt hat, nur folgerichtig. Großbritannien ist ein bedeutendes Land in und für Europa, ökonomisch, sicherheitspolitisch, kulturell; es könnte daher ein wichtiger Teil in der Europäischen Union sein, aber es fehlt ihm am Willen zur Gemeinsamkeit und zur Integration.

Zurzeit werden den Briten im Fall der Scheidung allerlei Höllenstrafen angedroht. Das Land werde aus dem Binnenmarkt geworfen werden, mit neuen Verhandlungen werde man sich viel Zeit lassen, es könnte als "Deserteur" (Jean-Claude Juncker) nicht auf Entgegenkommen hoffen. Das ist aber alles nur Feuerwerk.

Großbritannien - Was passiert nach dem Brexit? Einer jüngsten Umfrage unter EU-Bürgern zufolge wünscht sich eine Mehrheit von 54 Prozent, dass Großbritannien in der EU bleibt. Was würde passieren, falls die Briten am 23. Juni tatsächlich für den Austritt aus der EU stimmen?

Eine maßgeschneiderte Assoziierung

Tatsächlich werden am Tag nach einer Ausstiegsentscheidung die Überlegungen beginnen müssen, wie man Großbritannien so eng wie irgend möglich an die EU anbinden kann, und zwar vor allem in den Bereichen, an denen das Land interessiert ist und in denen es etwas zu bieten hat: im Binnenmarkt und in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Die zwei Jahre, die der Lissaboner Vertrag für die Austrittsverhandlungen vorsieht, werden genutzt werden, um eine maßgeschneiderte Assoziierung Britanniens an die EU zu entwickeln. Mit dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), dem Island, Liechtenstein und Norwegen angehören, sowie dem speziellen Vertragsverhältnis zwischen der EU und der Schweiz wurden bereits Modelle entwickelt, bei denen man Anleihen wird nehmen können. 

Die Ankündigung, den Briten den Exit zu versauern, zielt darauf, Nachahmer abzuschrecken. Die Europäische Union kann jedoch nicht durch Zwang und Druck zusammengehalten werden, sondern nur durch die Bereitschaft, Souveränität zu teilen. Deshalb ist es durchaus richtig, ein attraktives Assoziierungsmodell zu entwickeln und anderen die Option zu geben, diesen Weg ebenfalls zu gehen, wenn sie sich in der EU nicht mehr wohlfühlen.    

Die Europäische Union würde dadurch kleiner, aber nicht schwächer. 19 Staaten, die etwas miteinander anfangen wollen und dafür auch einstehen (und deshalb in der Eurogruppe sind), bewegen mehr als 28 Länder, die sich wechselseitig paralysieren.

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