ZEIT ONLINE: Herr Hellmich, als sich abzeichnete, dass die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt haben, ist der Kurs des britischen Pfunds um über zehn Prozent abgestürzt. Er liegt nun, am Morgen, bei 1,36 US-Dollar. Wie weit wird es noch bergab gehen?

Martin Hellmich: Ich glaube, kurzfristig war es das erst mal. Die Märkte haben den ersten Schock jetzt absorbiert. So lange unklar ist, wie es weitergeht, wird das Pfund eher nicht weiter abstürzen, aber sich auch nicht erholen. Schlimmer könnte es werden, wenn das Geld wirklich beginnt aus Großbritannien abzufließen. Dann sind auch Kurse bis zu 1,20 US-Dollar möglich.

ZEIT ONLINE: Wie genau wirkt sich eine schwache Währung auf die Wirtschaft im Vereinigten Königreich aus, auf den Alltag der Bürger?

Hellmich: Es wird teurer, Dinge aus dem Ausland einzukaufen, also zu importieren. Das ist für Großbritannien ein Problem, weil es eine Dienstleistungsgesellschaft ist, die vor allem Industriegüter mittlerweile aus dem Ausland bezieht. Sie importieren mehr, als sie exportieren, haben also ein Außenhandelsdefizit, das für sie durch die schwache Währung nun noch schädlicher wird.

ZEIT ONLINE: Was können britische Zentralbank und Regierung tun, um das Pfund und die Wirtschaft zu stabilisieren? Werden sie die Zinsen senken?

Hellmich: Damit rechne ich erst mal nicht. Die Zinsen zu senken, ist ja erst dann sinnvoll, wenn man ungefähr weiß, wie sich das Wirtschaftswachstum entwickelt. Das wird auch davon abhängen, ob britische Unternehmen nun wegen der Unsicherheit aufhören zu investieren. Und entscheidend werden die Verhandlungen mit der EU sein.

ZEIT ONLINE: Wie könnten denn die  Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien nach einem Austritt aussehen?

Hellmich: Das weiß niemand und das ist das große Problem. Jetzt wird es erst richtig unsicher. Den Briten wäre es am liebsten, Teil des gemeinsamen Marktes bleiben zu können. Aber da hat ja nicht zuletzt Wolfgang Schäuble schon klar gemacht, dass das nicht drin sein wird.

ZEIT ONLINE: Die Briten können nicht Nein sagen und dann erwarten, trotzdem weiter von der EU zu profitieren.

Hellmich: Genau. Das Problem ist, dass es zu den Details der künftigen Beziehungen überhaupt keine einheitliche EU-Position gibt. Ja, es gibt dazu noch nicht mal eine Meinungsbildung. Man hat einfach nur gehofft, dass es gar nicht so weit kommt. Die 27 übrigen Mitgliedsstaaten müssen sich jetzt erst mal darüber klar werden, was sie wollen, und dann schnell eine gemeinsame Haltung gegenüber den Briten finden.

ZEIT ONLINE: Das hört sich so an, als wären viele trotz der monatelangen Brexit-Kampagne nun sehr unvorbereitet.

Hellmich: Ja, und ganz ehrlich: Mir ging es auch so. Ich habe selbst an diesen Brexit nicht geglaubt. Offensichtlich haben wir uns in einem internationalen Biotop bewegt, auch in einem Biotop der Finanzbranche. Auch bei den Banken war das Szenario ja bis zuletzt: Großbritannien bleibt.

ZEIT ONLINE: Werden nun die Banken und andere Finanzinstitutionen von London nach Frankfurt umziehen?

Hellmich: Das ist noch unklar. Die eine Frage ist, was in der Phase der Verhandlungen geschieht, also der Unsicherheit, die jetzt beginnt. Firmen könnten ihren Sitz auf den Kontinent verlagern. Sie könnten aber auch schon mal sicherheitshalber zumindest einen Teil ihrer Geschäfte hierher verschieben, um das Risiko zu senken. Dafür kommt als Standort übrigens nicht nur Frankfurt infrage, sondern beispielsweise auch Paris und Luxemburg.

ZEIT ONLINE: Ist die City, der Finanzplatz London, am Ende?

Hellmich: Das hängt von den Verhandlungen ab. Eine Variante ist, dass die EU-Staaten sie nutzen, um Großbritannien zu einer strengeren Finanzmarktregulierung zu bewegen. Etwas, was die City bisher blockiert hat. Der Deal könnte also sein: Ihr dürft weiter mitmachen, wenn ihr uns bei den Regeln entgegenkommt.

Ein anderes Szenario wäre: Großbritannien setzt jetzt erst recht auf Deregulierung, um für die Finanzfirmen trotz des Brexits attraktiv zu bleiben. Und im Gegenzug zieht dann die EU die Mauern zum Binnenmarkt hoch. Das wäre die schlimmste Entwicklung, vor allem für die Realwirtschaft in Großbritannien.

ZEIT ONLINE: Welche ökonomischen Auswirkungen hat der Brexit für Deutschland?

Hellmich: Die Börsen dürften auch in Deutschland nachhaltig leiden. Zum Teil weil unsere Exporte nach Großbritannien sinken werden wegen des schwachen Pfunds. Vor allem aber wegen der Unsicherheit. Es weiß ja niemand, wie der Rest Europas politisch auf den Brexit reagiert. Von Finanzmärkten kennen wir in Krisenzeiten den Ansteckungseffekt: Weil alle mit allen verflochten sind, kann ein Zusammenbruch oder Umschwenken eines Staates oder einer Bank nach und nach andere mitreißen, es entsteht ein Schwarmeffekt. Diesen Ansteckungseffekt könnte es politisch auch geben. Wer weiß, wie im kommenden Jahr die Frankreich-Wahlen ausgehen? Wer weiß, in welchen Ländern noch Referenden über den Ausstieg abgehalten werden? Das sind die Fragen, die den Märkten zu schaffen machen.