Die erste Folge des Brexit-Referendums war ebenso erwartbar wie eindeutig: Nach dem "Nein" der Briten zur Europäischen Union am Freitag brachen die Kurse an den Finanzmärkten weltweit ein. Und immer noch geht es an vielen Börsen weiter nach unten. Ist das nur der anfängliche Schock über den Austritt, den zwar viele gefürchtet hatten, aber den dennoch kaum einer so richtig erwartet hat? Was passiert jetzt? 

Die Pessimisten unter den Marktbeobachtern unken, es könne der Auftakt einer neuen Weltfinanzkrise sein, wie die Pleite der Lehman-Bank. Während die Optimisten betonen: Dies sei kein Lehman-Moment, das Referendum erfolgte schließlich mit Ankündigung und der Markt habe genügend Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten. Tatsächlich fragen sich aber fast alle Marktbeobachter, welche Verwerfungen das britische Votum noch auslösen wird – nicht nur in der EU, sondern auch international.

1. Die Folgen für die Weltwirtschaft

Mit Großbritannien will immerhin die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt und die drittgrößte Europas nun den Austritt aus der Gemeinschaft erklären. Hinter den USA, China, Japan, Deutschland und Frankreich stehen die Briten bisher ziemlich weit oben in der Liste der wirtschaftsmächtigsten Staaten, dicht gefolgt von Brasilien. Und es gibt keinen Ökonomen, der aktuell nicht den Einbruch der britischen Wirtschaft vorhersagt. Das Referendum könnte das Bruttosozialprodukt Großbritanniens um drei bis sieben Prozentpunkten schrumpfen lassen. Als sehr wahrscheinlich sehen Volkswirte es momentan an, dass die Insel in eine Rezession stürzen wird, sie soll von der zweiten Jahreshälfte 2016 bis Ende 2017 dauern.

Ein Drittel seiner jährlich produzierten Dienstleistungen und Güter exportiert das Land. Das ist zwar etwas weniger als die Exportquote der Bundesrepublik (die bei 40 Prozent liegt), doch etwa die Hälfte der Ausfuhren gehen bislang in Staaten der EU. Wenn nun die Verträge mit den europäischen Staaten neu verhandelt werden müssen, bedeutet das vor allem höhere Handelskosten und Zölle auf britische Produkte. Dadurch werden sie für ausländische Käufer weniger interessant.

Der Absturz des britischen Pfunds aber könnte einen Teil dieser Zusatzkosten wieder wettmachen, denn er verbilligt die britischen Güter im Ausland: Direkt nach dem Referendum stürzte das Pfund Sterling bereits auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren. Sein Wertverlust wird damit noch nicht beendet sein.

Der schlechte Devisenkurs könnte zwar künftig die Umsätze im Ausland noch etwas stützen, aber die britischen Firmen werden dennoch leiden. Denn ihre Gewinne werden insgesamt geringer ausfallen. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass gerade die größten britischen Unternehmen sehr international aufgestellt sind. Die Großkonzerne im Börsenindex FTSE100 erwirtschaften zu 80 Prozent ihre Umsätze im Ausland, allerdings eher in Übersee. Sie werden also in Asien, Amerika und den Schwellenländern ihre Geschäfte ausweiten, wenn es in Europa schwieriger wird.

Und wie stark trifft es den Rest der Welt? Wirtschaftlich nicht besonders, sagen führende Ökonomen: Die Auswirkungen von Großbritanniens Rezession auf die Weltwirtschaft werden wohl eher gering sein. Als Hauptbetroffener wird selbst Deutschland – geschätzt – nur einen Rückgang von 0,1 bis 0,3 Prozent beim Inlandsprodukt verzeichnen. In den übrigen Ländern werden die Verluste vermutlich noch geringer ausfallen.

Ein größerer Schaden, den Englands Austritt anrichtet, besteht eher darin, dass die Fraktionen der Antiglobalisierungsanhänger und Protektionisten weltweit einen Auftrieb bekommen könnten. Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich warnt, das Wachstum der Weltwirtschaft sei momentan wenig robust und daher vermutlich störanfälliger als manche denken.

Brexit - "Deutschland gerät mit seiner Vorstellung von Marktwirtschaft an den Rand" Das Votum der Briten für einen EU-Austritt hat die Finanzmärkte erschüttert. Die mittelfristigen Konjunkturfolgen sind noch unklar, sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.