Wer wird noch freiwillig arbeiten, wenn es keinen Arbeitszwang gibt? Spannende Frage. Stellt man sie verschiedenen Menschen, erhält man eine paradoxe Antwort: Fast niemand will mit dem Arbeiten aufhören. Fast alle aber glauben, dass sich alle anderen ganz anders verhalten und auf die faule Haut legen würden.

Andere wiederum argumentieren: Unser Wirtschaftsmodell sei existenziell darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die durch Existenznot und Erwerbsdruck zu zwingen wären, für wenig Geld Jobs anzunehmen, die niemand gerne macht. Was für ein zynischer Irrtum. Es ist höchste Zeit, mit diesem anachronistischen Ausbeutungssystem des Frühkapitalismus aufzuräumen.

Im Zeitalter der Digitalisierung ist es mehr denn je wirtschaftlich unsinnig, Menschen zu zwingen, Arbeiten zu erledigen, die menschenunwürdig sind. Der Mensch ist ökonomisch zu wertvoll, um ihn gefährliche, riskante und gesundheitsschädigende Arbeiten machen zu lassen und ihn dann Jahrzehnte bis zum Lebensende krank durch den Sozialstaat zu schleppen. Das ist eine Privatisierung der Arbeitserträge und eine Sozialisierung der Folgekosten. Das kann ökonomisch nicht effizient sein. Es muss doch alles was möglich ist getan werden, damit Menschen bei der Arbeit körperlich und auch geistig gesund bleiben und nicht krank, ausgebrannt oder sogar nachhaltig versehrt werden.


Die Digitalisierung wird dazu führen, dass Automaten und Roboter den Menschen aus der Produktion verdrängen. Nicht nur standardisierte einfache Arbeiten am Fließband, an Supermarktkassen oder im Büro werden verschwinden. Auch bei qualifizierteren Tätigkeiten wie die von Lokomotivführern, Versicherungsmaklern oder Buchhaltern werden Menschen zunehmend überflüssig. Das ist vor allem dort ein Segen, wo bislang Menschen gefährliche, schmutzige oder risikoreiche Jobs im Hoch- und Tiefbau, auf Dächern und in Tunnels, in Schlachtereien und Labors oder bei Kontroll- und Wachdiensten ausüben mussten. Hier werden in Zukunft Bauroboter Ziegel schleppen und Fenster montieren, Industrieroboter werden neue Materialien, Bau-, Wirk- und Wertstoffe anwenden, intelligente Automaten und selbstgesteuerte Kameras werden prüfen, bewachen, kontrollieren und reagieren und dreidimensional einsatzfähige Polizeiroboter werden für die innere Sicherheit sorgen. Überall wird es möglich sein oder muss es möglich gemacht werden, Menschen in ihrer unantastbaren Würde vor physischer und psychischer Schädigung zu schonen und sie in der frei gewordenen Zeit für bessere und weniger strapaziöse Jobs weiter auszubilden.

Die Digitalisierung wird nicht nur Millionen von Jobs vernichten, sie wird auch Millionen von neuen Arbeitsplätzen schaffen. Viele davon in Bereichen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Sicher ist, dass Arbeit mehr und mehr ein radikal anderes Gesicht, eine andere Bedeutung und einen neuen Stellenwert erhalten wird – gesellschaftlich und wirtschaftlich. Dem muss der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen.

Die menschliche Arbeit durch Roboter und Maschinen zu ersetzen bedeutet das Ende eines Sozialstaates, dessen Finanzierungsgrundlage das Arbeitseinkommen darstellt. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde "(Lohn-)Arbeit zum entscheidenden Faktor der Wertschöpfung, zum wichtigsten Kriterium für das Selbstwertgefühl des Menschen und zur vorrangigen Quelle für die Einnahmen des Staates", sagt Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie und Ethik an der Universität Wien. Wenig bis nichts mehr davon behält im Zeitalter der Digitalisierung seine Gültigkeit.

Leben in der Zukunft - Eine Utopie von Götz Werner: Bedingungsloses Grundeinkommen für alle Götz Werner, Gründer der DM-Drogeriekette, träumt von einer Welt ohne Existenznöte durch das bedingungslose Grundeinkommen.