Kapitalismus? Nein, danke

Wer eine Wahlkampfveranstaltung von Bernie Sanders besucht, der merkt vor allem eines: Ein Großteil der Anhänger des 74-jährigen Senators sind ausgerechnet die jüngsten unter Amerikas Wählern. Häufig wirken die Veranstaltungen weniger wie ein politisches Forum, sondern mehr wie ein mehrstündiges Musikfestival. Kein Kandidat im laufenden Wahlkampf mobilisiert die 18- bis 34-Jährigen besser als der weißhaarige Kauz aus Vermont. Sanders habe nicht die Partei nach links gerückt, sondern gleich eine ganze Generation, schreibt John Della Volpe von der Universität Havard in einer Studie.

Sanders Botschaft vom demokratischen Sozialismus kommt bei ihnen gut an. Amerikas Millennials sind kapitalismusmüde. Die wachsende Ungleichheit zwischen denen an der Spitze und dem Rest des Landes, die Nachwehen der Finanzkrise und ein Bildungssystem, bei dem der vermeintliche Aufstieg mit hohen Schulden erkauft wird: Die Wahlkampfthemen des Senators haben eine ganze Generation verkatert zurückgelassen.

In einer Umfrage der Harvard University gaben 51 Prozent der befragten Jungwähler an, den Kapitalismus abzulehnen, nur 42 Prozent heißen ihn gut. Fast die Hälfte sagt hingegen, dass sie ein sozialistisches System zumindest in Teilen befürwortet. Sie sehen eine gesundheitliche Grundversorgung, ausreichend Essen und ein Heim als ein Grundrecht, für das im Notfall die Regierung aufkommen solle. Kurz gesagt: Die 80 Millionen Millennials – die bevölkerungsstärkste Generation in der Geschichte des Landes – lehnen den ökonomischen Status quo ab.

Skepsis am Kapitalismus wächst

Für die Autoren der Studie ist das nicht überraschend. Während für die Generation des Kalten Krieges der amerikanische Kapitalismus vor allem das Gegenmodell zur Sowjetunion und totalitären Regimen darstellte, sei er für die heutige Generation synonym mit der Gier der Finanzwelt, von deren Folgen sich die Welt bis heute erhole. "Für die Millennials steht Kapitalismus nicht mehr für Wettbewerbsfähigkeit, sondern für einen VW-Konzern, der seine Abgaswerte manipuliert oder Pharma-Spekulanten, die die Preise für lebenswichtige Medikamente in die Höhe treiben", sagt auch Steffen Schmidt, Politikwissenschaftler an der Iowa State University.

Was dieser Kapitalismus anrichten kann, haben sie im eigenen Lebenslauf gesehen. Zwar waren etwa auch in der Vergangenheit die Kosten für eine College-Ausbildung hoch, doch die Aussicht auf eine schnelle Karriere nach dem Abschluss relativierte die Schulden, die viele dafür machen mussten. Heute ist das anders. Wer 2014 seinen Abschluss machte, der hatte im Schnitt 28.950 Dollar an Schulden – der höchste Wert, der je erfasst wurde. Insgesamt sitzen die Amerikaner auf 1,2 Billionen Dollar Kreditschulden. Viele von ihnen zahlen sie noch Jahrzehnte nach der Ausbildung ab, weil der gut dotierte Traumjob auf sich warten lässt und das alte Versprechen nicht mehr gilt.

Die Systemmüdigkeit bekommen die großen Parteien zu spüren

Nicht nur die Karriere kommt im Kapitalismus 2016 ins Stocken. Auch die Familienplanung wird wegen der wachsenden wirtschaftlichen Unsicherheit immer weiter hinausgeschoben. Fast ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen lebt laut Daten des Pew Research Centers derzeit bei den Eltern – im Jahr 2000 war es noch knapp ein Viertel. Zum ersten Mal leben damit mehr junge Menschen im Elternhaus als in einer Wohnung mit ihrem Partner. Und: Noch zur Jahrtausendwende waren immerhin 43 Prozent der 18- bis 34-Jährigen verheiratet. 2014 sind es nur noch gut 31 Prozent.

Betroffen sind nicht nur die hochverschuldeten College-Absolventen. Gemessen an der Inflation sind die Löhne für junge Menschen mit und ohne College-Abschluss in den vergangenen 16 Jahren um 34 Prozent eingebrochen. Hatten 1960 noch 84 Prozent von ihnen einen Job, sind es heute nur noch 71 Prozent. "Amerika muss aufpassen, dass es die Gültigkeit und Berechtigung des kapitalistischen Systems nicht vollkommen verspielt", sagt deshalb Steffen Schmidt. Bernie Sanders hämmere nur den letzten Nagel in ein durch Gier getriebenes System, das für die jungen Amerikaner längst tot sei.

Viele Junge gehen nicht mehr wählen

Die Systemmüdigkeit bekommen die großen Parteien zu spüren. Schon in der letzten Wahl stimmte gerade ein Fünftel der Jungwähler ab, der Rest blieb zu Hause, weil er sich in den Programmen nicht wiederfand. Und auch jetzt begeistern sie sich für den bis dato kaum bekannten demokratischen Sozialisten, nicht für die erfahrene Außenministerin und Favoritin der Partei. Viele Sanders-Unterstützer haben sich gar verpflichtet, lieber die Kandidatin der Green Party zu wählen als zu Clinton umzuschwenken, sollte diese die Nominierung erhalten. Auf der anderen Seite ziehe es die jungen Wähler vor allem aus der Arbeiterschicht ausgerechnet zu Trump, "obwohl keiner die Gier der Oligarchie mehr verkörpert als er", sagt Schmidt. Die Parteien liefen Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit bei der jungen Generation zu verlieren.

Viele Beobachter attestieren dem herrschenden Zweiparteiensystem in den USA angesichts dieser Entwicklung bereits das Ende. "Trump und Sanders stellen das Gegenteil von dem dar, für das das derzeitige System steht: Stagnation", schrieb die Seite Zero Hedge, ein Blog, das vor allem unter den Finanzinsidern der Wall Street hohes Ansehen genießt. "Das Zweiparteiensystem ist am Ende", zeigte sich selbst der ehemalige Arbeitsminister und Ökonom Robert Reich überzeugt. Ein Großteil der Jungwähler fühle sich in den beiden großen Parteien nicht mehr aufgehoben, zugleich kämpften die alteingesessenen Mitglieder um den parteipolitischen Status Quo. Versuchten Republikaner und Demokraten den Spagat, drohe es, sie zu zerreißen.

Ganz so weit geht Steffen Schmidt noch nicht. "Wie die Zukunft aussieht", so der Politologe, "ist derzeit völlig unklar". Klar sei, dass es in der amerikanischen Geschichte wenige Momente gegeben habe, in denen das politische Gefüge so sehr in Bewegung gewesen sei. Die immerhin hält für die Demokraten auch eine Chance bereit. Denn dank der Begeisterung um Sanders bekennen sich 2016 deutlich mehr junge Amerikaner zu der Partei als in den Jahren davor, während die Zahl der Unabhängigen zurückgegangen ist. Das, so die Autoren der Harvard-Studie, könne für die Partei die Rettung sein – sofern sie in der Lage sei, diese lange genug zu halten. Denn wer sich mit 30 für eine Seite entschieden habe, der ändere nur noch selten seine Meinung.