Der Schock über den Brexit sitzt tief, vor allem in der Londoner City. Im Aufzug von Morgan Stanley schüttelt ein Banker den Kopf: "Ich kann es immer noch nicht fassen." Wie jeden Tag spucken die Rolltreppen im Finanzzentrum Canary Wharf auch am Montag Tausende von Bankern auf die Straßen zwischen den Bürotürmen. Heute sind sie fassungsloser Stimmung.

An der Börse steigen die Investoren aus den Aktien britischer Banken aus und packen ihr Geld in sichere Staatsanleihen. Erstmals ist am Montag die Rendite für sogenannte Gilts – britische Staatsanleihen, die generell als wenig riskant gelten – mit zehn Jahren Laufzeit unter ein Prozent gesunken. Das zeigt, wie begehrt die Papiere sind und wie sehr die Anleger jetzt Sicherheit suchen.

Gleichzeitig wurde der Handel der Aktien von Barclays und der Royal Bank of Scotland zeitweilig ausgesetzt, als die Kurse um mehr als acht Prozent in die Tiefe rauschten. 

Die Börsianer trennen sich von all den Aktien, deren Unternehmen vom Brexit hart getroffen werden. Kein Mitglied des EU-Open-Skies-Abkommens mehr? Die Aktie von easyJet fällt um 19 Prozent. Weniger Banker, die in London nach Wohnungen suchen werden? Die Aktien der Baufirmen Taylor Wimpey, Berkeley Group, Crest Nicholson und Barratt Developments rauschen in die Tiefe. Sorge, wie es weitergeht? Die Aktien von Goldminenunternehmen steigen. Es ist eine gewaltige Verschiebung der Prioritäten an den Finanzmärkten.

"Raus ist raus" – aber was bedeutet das?

In Sitzungszimmern diskutieren sich die Banker die Köpfe heiß, was jetzt politisch, juristisch, technisch folgen wird. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. 

Wird der Brexit wirklich stattfinden? "Ja – raus ist raus. So sieht es wohl aus", sagt Jacob Nell, Volkswirt von Morgan Stanley an diesem Morgen. 

Was sind die Optionen? Das Idealszenario wäre: Die Briten einigen sich zügig mit der EU. Sie akzeptieren ein gewisses Maß an Freizügigkeit, erhalten Zugang zum Binnenmarkt. Schottland beruhigt sind, die Finanzmärkte auch. Die Verbraucher konsumieren ungestört. Der Wechselkurs vom Pfund sinkt, was die Inflation etwas antreibt. Gleichzeitig aber wird Kapital angelockt. Und irgendwie schafft man ein "norwegisches Modell", sogar mit einem gewissen Zugang zum EU-Finanzmarkt.

Aber so wirklich will niemand daran glauben, dass das Idealszenario eintreten könnte. Derzeit sieht es schlimmer aus. Wenn die Politiker sich auch dauerhaft nicht einigen können, nicht innerhalb Großbritanniens, nicht mit der EU, dann könnte die Unsicherheit zunehmen. Die Verbraucher könnten verängstigt werden, Großbritannien in die Rezession rutschen. 

Eine Spirale der Schwierigkeiten

Was dann? Finanzhäuser wie Morgan Stanley gehen davon aus, dass die Bank von England dann die Zinsen senkt, im Herbst ein neuer Finanzminister den fiskalpolitischen Kurs lockern könnte, und – wenn die Verbraucher aus Angst völlig streiken – sogar "Helikoptergeld" in Form von Kaufgutscheinen verteilt werden könnte, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Das wäre der Kurs im Extremszenario.

Egal, ob es so weit kommt: Ein Brexit wird Großbritannien sehr wahrscheinlich schaden. "Das ist eine Entscheidung für eine weniger offene Wirtschaft", sagt Nell. Das heißt im Klartext: Sollte es Großbritannien nicht gelingen, einen weiter offenen Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu verhandeln, die Freizügigkeit der Arbeitskräfte eingeschlossen, würde das Land wohl weniger Kapital, weniger Fachleute und weniger Investitionen anziehen als bisher. Die ohnehin schwache Produktivität der Wirtschaft würde noch weiter sinken. Das Interesse an Auslandsdirektinvestitionen ließe nach, das Leistungsbilanzdefizit würde immer schwerer zu finanzieren – es wäre keine gute Entwicklung, sondern eine Spirale, die das Land immer weiter in Schwierigkeiten führt. Die Ratingagentur S&P hat die Kreditwürdigkeit Großbritanniens bereits von AAA auf AA herabgestuft. Damit wird es für die Regierung teurer, sich an den Finanzmärkten Geld zu leihen.

Die einzige Lösung gegen die Abwärtsspierale: Immer weitere Abwertungen des Pfund. Also das, was der strauchelnden Peripherie der Währungsunion wegen des Euro verwehrt blieb.