Leonid Lebedew ist auf dem Weg nach Brüssel. Er hat einen Termin beim EU-Kommissar für Energiepolitik. In den vergangenen Tagen hat er seine neuen Energiepläne in Österreich verhandelt. Jetzt macht er einen Zwischenstopp in Berlin.

Lebedew wollte bisher nur über seine Geschäfte sprechen. In den neunziger Jahren hatte er als Besitzer des ersten privaten russischen Ölunternehmens nach Ende der Sowjetunion sein Vermögen gemacht. Später ging er in die Politik. 13 Jahre war er Abgeordneter und Geschäftsmann in einer Person. Anders als andere Oligarchen überstanden seine Unternehmen den Wechsel von der Jelzin-Ära zum neuen Russland unter Wladimir Putin ohne größere Rückschläge.

ZEIT ONLINE: Herr Lebedew, wollen Sie auch russisches Gas nach Europa liefern?

Leonid Lebedew: Es geht um ein unabhängiges Vorhaben, um eine Alternative zu den Lieferungen von Gazprom, zur Nord-Stream-2-Pipeline durch die Ostsee und auch zur aserbaidschanischen Pipeline, die durch die Türkei gehen soll. Ich will in Griechenland ein Flüssiggasterminal bauen, das offen für jeden Produzenten sein soll. Aus der arabischen Welt, aus Afrika, aus Amerika ... Der Markt wird regeln, wer das Gas liefert. Dann wird dieses Gas durch ein Gasverbindungsnetz in viele Länder Südosteuropas geliefert.

ZEIT ONLINE: Werden Sie in Brüssel mit dem Energiekommissar auch über die Wirtschaftssanktionen sprechen, die von der EU gegen Russland verhängt wurden? Über die wird derzeit heftig diskutiert.

Leonid Lebedew © privat

Lebedew: Selbstverständlich mag ich die Sanktionen nicht. Weder als Geschäftsmann noch als ehemaliger Politiker. Die vergangenen Jahre waren für Russlands Wirtschaft hart, hauptsächlich wegen des niedrigen Ölpreises, aber wegen der Ereignisse in der Ukraine und auf der Krim auch.

ZEIT ONLINE: Welche Ereignisse meinen Sie genau?

Lebedew: Die Angliederung der Krim an Russland. Die Krim ist ein Teil Russlands. Die Sanktionen, die man gegen die russische Wirtschaft verhängte, haben eine negative Wirkung. Für einige Firmen ist es unmöglich, zu überleben. Und dazu kommt: Russische Firmen gelangen auf dem heimischen Finanzmarkt kaum an Geld. Die Zinsen für Kredite sind unglaublich hoch.

ZEIT ONLINE: Entschuldigen Sie, aber die Krim ist kein Teil Russlands. Die Halbinsel wurde völkerrechtswidrig annektiert und als Reaktion darauf haben die EU und ihre Mitgliedstaaten Sanktionen gegen Russland verhängt.

Lebedew: Ich kenne die Situation. Die Bewohner der Krim haben für den Zusammenschluss mit Russland gestimmt. Nicht einstimmig, aber eine Mehrheit der Bewohner der Krim hat dafür gestimmt. Das ist die Wahrheit.

Vielleicht war die Wahl nicht zu 100 Prozent frei. (...) Aber trotzdem glaube ich, dass die Mehrheit der Krimbewohner lieber zu Russland gehören will.

ZEIT ONLINE: Die Wahrheit ist auch, dass es keine freie Abstimmung gab. Das Referendum war geplant und wurde während der Belagerung und unter Druck von russischem Militär durchgeführt.

Lebedew: Die Militärbasis auf der Krim gibt es seit vielen Jahren. Auf der Krim leben mehrheitlich Russen. Historisch gesehen war die Krim schon immer ein Teil Russlands. Vielleicht war die Wahl nicht zu 100 Prozent frei. Sie wurde zu schnell durchgeführt, da können Fehler geschehen. Aber trotzdem glaube ich, dass die Mehrheit der Krimbewohner lieber zu Russland gehören will.

ZEIT ONLINE: Würden Sie bei Ihrem Besuch in Brüssel bei der EU ähnlich argumentieren?

Lebedew: Wir werden nicht über die Sanktionen reden, da ich kein Politiker mehr bin, sondern ein Geschäftsmann. Es ist nur meine private Meinung. Aber in einem Punkt stimme ich mit Ihnen überein: Friedliche Maßnahmen sind die einzige Lösung. Man sollte friedliche Gespräche führen, bis man zu einem Ergebnis kommt.

ZEIT ONLINE: Sanktionen sind ja friedliche Maßnahmen.

Lebedew: Manchmal sind Sanktionen gut, zum Beispiel im Fall des Irans. Aber manchmal vergrößern sie die Probleme nur. Wenn Sanktionen das Problem größer machen, dann sind sie schlecht. Die Zukunft wird zeigen, wie es mit den Sanktionen weitergeht.

ZEIT ONLINE: Sie waren 13 Jahre Abgeordneter des russischen Föderationsrats. Dazu haben Sie ein Energieunternehmen. Wie passen Ihre politischen und geschäftlichen Interessen zusammen?

Lebedew: Die Politik ist Vergangenheit für mich. Aber ich muss sagen, dass ich in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise als Politiker glücklich war. Tag für Tag sind wir damals der westlichen Welt und Europa nähergekommen. Wir waren auf einem demokratischen Weg. Ich hoffte, dass auf diesem Weg irgendwann eine Welt entsteht, die Europa, Russland und Amerika vereint. Ich glaube immer noch, dass das eines Tages Realität werden kann.

ZEIT ONLINE: Die russische Außenpolitik der vergangenen Jahre hat Russland aber in eine andere Richtung geführt.