Oliver Nachtwey weiß, wovon er redet. Sein Großvater war ein Fabrikarbeiter, der sich später selbständig machte. Sein Vater holte das Abitur an der Abendschule nach und machte einen Ingenieurabschluss. Nachtweys Familie ist der Aufstieg aus der Arbeiterschicht in die untere Mittelschicht gelungen. Er selbst schaffte dann den direkten Sprung an die Hochschule. Studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, weil das den Eltern bodenständiger schien als Germanistik. Promovierte zum Wandel der deutschen SPD und britischen Labour Party. Er forscht und lehrt zu ungleichen Lebensverhältnissen in Deutschland, zu Prekariat und Abstiegsangst.  

"Ich hatte wirkliche Chancen", sagt er heute. "Viel mehr als richtige Arbeiterkinder" – solche, deren Eltern in der Fabrik malochen. Denn Arbeiterkinder schaffen es in Deutschland viel seltener auf die Uni als Akademikerkinder, wie die derzeit aktuellste 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2013 belegt. Unter 100 Arbeiterkindern studieren nur 23, unter 100 Akademikerkindern sind es 77. 

Das ist nicht nur die Privatsache der Arbeiterfamilien. Es prägt das ganze Land. Es lässt Deutschland im 21. Jahrhundert immer noch wie eine Ständegesellschaft erscheinen. Akademiker werden seltener arbeitslos als Arbeiter und Angestellte ohne Studium, und sie haben bessere Chancen auf ein höheres Einkommen. Das bedeutet: Dass Arbeiterkinder es so selten an die Uni schaffen, zementiert die sozialen Ungleichheiten.

Und die sind heute viel größer als früher. In der alten Bundesrepublik konnten auch Ungelernte ein gutes Auskommen finden. Heute gibt es für sie kaum noch Jobs, und die existierenden sind schlecht bezahlt, anstrengend und unsicher. "Es gibt eine neue Unterschicht", sagt Nachtwey. "In den sechziger, siebziger, achtziger Jahren haben sie einen sozialen Aufstieg erlebt. Heute geht das nicht mehr." 

Weniger Hausaufgabenhilfe, weniger Sicherheit

Warum aber gelingt Arbeiterkindern der Sprung an die Hochschule so selten? Manchmal liegen die Ursachen in den Familien selbst. "Bei uns wurden viele Bücher gelesen", sagt Nachtwey. "Aber klassische Musik oder Kunst kam praktisch nicht vor." Dinge, die Akademikerkindern quasi automatisch vermittelt werden – ebenso wie ein bestimmter Habitus, ein feineres Benehmen, das den Kindern hilft, voranzukommen.

Akademikereltern lesen ihren Kindern vor, sie bringen sie zum Musikunterricht oder zur Sprachschule, sie kämpfen in der Schule für gute Noten und die Gymnasialempfehlung. Sie ziehen um, damit ihre Kinder auf die beste Schule kommen, und verstärken dadurch die soziale Spaltung. Sie vermitteln ihren Kindern Sicherheit. "Akademikerkinder trauen sich Dinge zu, weil sie davon ausgehen, dass es klappt", sagt Nachtwey. Er hingegen sei vor seinem Semester im Ausland "fürchterlich aufgeregt" gewesen.

Fabrikarbeiter mit Schichtdienst hätten demgegenüber selten Zeit und Kraft, ihre Kinder speziell zu fördern. Schafften die Kinder das Abitur, "werden sie von ihren Eltern oft regelrecht vom Studium abgehalten". Das ist auch eine Geldfrage: Ein Studium dauert lange und scheint eine unsichere Sache – eine Lehre bringt sofort Geld.