ZEIT ONLINE: Herr Heubrock, wir wissen noch nicht genau, welches Motiv der Schütze von Orlando bei seinem Angriff auf eine Diskothek hatte. Klar ist aber: Er benutzte das halbautomatische Gewehr AR-15, eine der beliebtesten Waffen in den USA. Wozu sollte eine Privatperson ein solches Schnellfeuergewehr besitzen dürfen?

Dietmar Heubrock: Die Gesetze in den USA ermöglichen viel. Es gibt in den Bundesstaaten und Countys unterschiedliche Regelungen, sein eigenes Leben oder auch seinen Grundbesitz mit Waffengewalt zu verteidigen. In einigen Countys kann selbst das Betreten des Rasens vor dem Haus mit Waffengewalt gestoppt werden.

ZEIT ONLINE: Braucht man dazu ein halbautomatisches Gewehr?

Heubrock: Die Ideologie der Selbstverteidigung ist tief in der US-amerikanischen Gesellschaft verankert. In den USA darf jeder sich, seine Familie und sein Eigentum mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Viele Amerikaner wollen dann nicht nur eine Waffe mit zwei, drei Schuss haben – wie in Deutschland das Jagdgewehr. Sie wollen im Notfall auch eine Horde Jugendlicher bekämpfen können. So ist zu erklären, warum viele Amerikaner kein schlechtes Gefühl haben, wenn sie über solch leistungsstarke Schusswaffen verfügen.

ZEIT ONLINE: Ist die große Obsession der Amerikaner mit Waffen wirklich vor allem historisch zu begründen?

Heubrock: Ja, man muss das historisch betrachten. Den Ureinwohnern Nordamerikas wurde ihr Land mit Waffengewalt streitig gemacht. Es ist nicht wie in Europa über Jahrhunderte eine Staatenstruktur gewachsen, sondern der Staat entstand durch Eroberung. Die Macht von Waffen hat daher in den USA schon immer einen großen Stellenwert. Sie spiegelt sich auch in der amerikanischen Verfassung wieder – in dem Recht, eine Waffe zu tragen.

ZEIT ONLINE: Wie konnte sich aus diesen historischen Voraussetzungen eine Waffenbesessenheit herausbilden, die von Generation zu Generation übertragen wird?

Heubrock: Amerikanische Waffenhersteller haben diese Entwicklung gefördert. Namen wie Winchester oder Colt kennt jeder in den USA. Waffen sind ein wichtiger Faktor im Wirtschaftssystem des Landes. Immer neue Innovationen sollen das Interesse der Kunden wecken. Derzeit fokussiert sich die Industrie auf neue Zielgruppen wie Frauen und Kinder, weil der Absatz insgesamt nachgelassen hat. Denn bei aufgeklärten Bürgern hat nach den vielen Angriffen auf Schulen oder Universitäten ein Umdenken eingesetzt.

ZEIT ONLINE: Die Umfragen zeigen aber immer noch, dass eine Mehrheit in den USA schärfere Waffengesetze ablehnt. Warum?

Heubrock: US-Präsident Barack Obama hat immer wieder versucht, die Waffengesetze zu verschärfen. Aber gegen die starke Waffenlobbyorganisation NRA kommt er nicht an, sie trifft den Nerv in der Bevölkerung. Ein Grund hierfür ist, dass die amerikanische Gesellschaft das Gewaltmonopol nicht allein beim Staat sieht, so wie es in Deutschland der Fall ist. Hierzulande soll sich der Bürger darauf verlassen können, dass der Staat ihn gegen Übergriffe gegen sein Leben und sein Eigentum schützt. Man darf sich nicht selbst durch Gewalteinsatz schützen, außer in äußersten Notfällen. Nur deshalb gibt es in Deutschland ein Gesetz zur Opferentschädigung, das dann wirkt, wenn der Staat versagt hat und jemand deshalb Opfer eines Verbrechens geworden ist. In den USA ist das ganz anders.