Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen unter null Prozent gefallen. Damit müssen Anleger noch Geld draufzahlen, wenn sie dem Bund Geld leihen wollen. Die international richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen rentierten bei minus 0,003 Prozent. Anleger sind mittlerweile bereit, bei deutschen Staatsanleihen bis zu einer Laufzeit von zehn Jahren sozusagen eine Gebühr zu bezahlen, statt Zinsen zu kassieren.

Bei Titeln mit kürzeren Laufzeiten ist der Negativzins bereits Alltag: Die Investition in zweijährige Papiere ist seit Mitte 2014 durchgängig ein Verlustgeschäft. Hauptabnehmer der Anleihen sind Versicherer und Pensionsfonds. Sie sind gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihrer Gelder in Staatsanleihen anzulegen.

Die Bundesrepublik ist das zweite Land der sieben führenden Industrienationen (G 7), dessen zehnjährige Titel unter null Prozent rentieren. Die vergleichbaren japanischen Papiere notieren seit Anfang März im negativen Bereich.

Händler erklärten die derzeit starke Nachfrage nach Bundesanleihen vor allem mit einer nervösen Stimmung an den Finanzmärkten vor der Abstimmung über einen EU-Austritt Großbritanniens in der kommenden Woche. Neben der Brexit-Furcht sieht der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater, aber auch die ultralockere Geldpolitik führender Notenbanken als eine Ursache für die starke Nachfrage nach vergleichsweise sicheren Bundesanleihen.

Staatsanleihen sind für den Finanzmarkt ein wichtiger Sicherheitsfaktor. Banken müssen als Puffer für schlechte Zeiten Wertpapiere in ihrem Portfolio haben, die sie notfalls rasch zu Geld machen können. Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind weltweit zum wichtigsten Finanzierungsmittel institutioneller Anleger geworden. Gerade in den Zeiten der europäischen Wirtschaftskrise griffen Anleger zu den Papieren mit der geringsten Ausfallwahrscheinlichkeit", erläuterte der Analyst Michael Schulz von der Nord/LB. "Und das sind nun einmal die Bundesanleihen." Die Bundesrepublik finanziert auf diese Weise ihre Schuldentilgung, da sie jedes Jahr etwa 20 Prozent ihrer Altschulden umfinanziert, weil alte Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen.

Knapp die Hälfte der 1,08 Billionen Euro deutscher Schulden sind zehnjährige Staatsanleihen, der Rest sind Anleihen mit Laufzeiten zwischen wenigen Monaten und 30 Jahren.   

An einem durchschnittlichen Handelstag werden Bundeswertpapiere für etwa 20 Milliarden Euro ge- und verkauft. Die derzeit im Umlauf befindlichen zehnjährigen Bundesanleihen haben einen Wert von fast 500 Milliarden Euro. Am Sekundärmarkt – etwa europäische Wertpapierbörsen, elektronische Handelsplattformen und außerbörslich – wird aber pro Jahr ein Volumen von etwa 2,5 Billionen Euro gehandelt, also etwa das Fünffache. Nur der Markt für US-Staatsanleihen ist noch liquider.