Die Eurofinanzminister befürchten negative Auswirkungen des Brexit-Votums auf die europäische Wirtschaft. Die andauernde Unsicherheit, vor allem unter Investoren, könne mittelfristig die Wachstumsaussichten der EU und der Eurozone beeinflussen, hieß es nach einem Treffen in Brüssel. EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici sprach von 0,2 bis 0,5 Prozent weniger Wachstum in der EU im Jahr 2017. Diese Einschätzung sei keine offizielle EU-Prognose, betonte der französische Politiker. Die Brexit-Folgen könnten noch begrenzt werden, "wenn es uns gelingt, die Ungewissheit einzuschränken und eine angemessene politische Antwort zu geben".

"Es ist eine unangenehme Situation, niemand weiß, wie es jetzt weitergeht", sagte der österreichische Finanzminister Hans Jörg Schelling. Klar sei jedoch, dass es wirtschaftliche Auswirkungen geben werde. Die neue britische Regierung müsse sich mit Blick auf den Brexit so schnell wie möglich festlegen. Auch Moscovici sagte, Großbritannien müsse nun so schnell wie möglich den offiziellen Austrittsantrag stellen.

Neben Großbritannien bereiteten den EU-Finanzministern die Entwicklungen in Spanien und Portugal Sorgen. Nach Einschätzung des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU) rücken Strafen gegen die beiden Defizitländer näher. "Ich glaube, wir sind uns hier alle einig, dass wir die Regeln, die wir uns gegeben haben und die genügend Flexibilität beinhalten, anwenden müssen", sagte er.

Die EU-Kommission hatte in der vergangenen Woche festgestellt, dass Spanien und Portugal 2015 ihre Haushaltsziele verfehlt und keine geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen haben. Am heutigen Dienstag entscheiden die EU-Finanzminister offiziell über weitere Schritte. Unter den Eurofinanzministern habe es große Zustimmung für die Sichtweise der EU-Kommission gegeben, sagte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Am Ende der Defizitverfahren könnten etwa Geldbußen stehen.

Italien ist besonders gefährdet

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat unterdessen seine Wachstumsprognose für Italien gesenkt. Der Ausgang des Brexit-Referendums habe die Schwankungsanfälligkeit der Finanzmärkte vergrößert und die Rückschlaggefahr für Italien erhöht, hieß es nach einem Treffen des IWF mit italienischen Behörden. Das Land stehe vor "monumentalen Herausforderungen". Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone werde in diesem Jahr "etwas unter ein Prozent" und im kommenden Jahr ein Prozent wachsen, so der IWF. Zuvor hatte er 1,1 Prozent für 2016 und 1,25 Prozent für 2017 prognostiziert.

Eine besondere Bedrohung seien die mit 360 Milliarden Euro an faulen Krediten belasteten Banken des Landes. Italien führt derzeit Gespräche mit der EU-Kommission, damit das Land die Geldhäuser unterstützen darf. EU-Vorschriften erlauben Staatshilfen nur unter außergewöhnlichen Bedingungen.

Die schwierige Lage vieler italienischer Banken stand bei dem Ministertreffen zwar nicht offiziell auf der Agenda, sorgte aber dennoch für Unruhe. Dijsselbloem lehnte ein neues milliardenschweres Rettungsprogramm aus Steuergeldern ab. "Die Probleme müssen in den Banken geregelt werden", sagte er. Die Einfachheit, mit der einige Banker mehr öffentliche Gelder forderten, um ihre Probleme zu lösen, sei problematisch. "Das muss ein Ende haben."

Brexit - "Deutschland gerät mit seiner Vorstellung von Marktwirtschaft an den Rand" Das Votum der Briten für einen EU-Austritt hat die Finanzmärkte erschüttert. Die mittelfristigen Konjunkturfolgen sind noch unklar, sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.