Vor fast genau einem Jahr stand ich in der Cafeteria des griechischen Parlaments und starrte auf einen kleinen Fernseher an der Wand. Neben mir: Abgeordnete, Kellner und Reporter mit Kaffeebechern in den Händen, auch sie blickten entsetzt auf die Mattscheibe. Es waren Bilder aus Brüssel, Finanzminister mit fahlen Gesichtern, die dort aufflackerten: Griechenland ist raus aus dem Rettungsprogramm, hieß es, die EU werde nicht weiterzahlen. Auch der Austritt aus der Eurozone sei nur noch eine Frage der Zeit. Wir dachten damals: Da ist er nun, der Grexit.

Es begann eine Woche voller Umbrüche – nein, eigentlich ein ganzes Jahr. Es war der Anfang der Exit-Spiele in Europa, deren vorläufigen Höhepunkt wir gerade mit dem Brexit-Referendum in Großbritannien erleben. Die Ereignisse sind nicht direkt miteinander verbunden, könnte man denken, nur stimmt dies nicht. Es lässt sich durchaus eine Linie erkennen, die im griechischen Chaossommer 2015 beginnt und bis zum britischen Chaossommer 2016 reicht. Die Ereignisse bauen in zentralen Fragen aufeinander auf und sind Teil derselben tragischen Dynamik.

Angefangen hatte es schließlich auch in Griechenland mit einem EU-Referendum, zu dem sich das Athener Parlament noch in jener Nacht entschied, nachdem in Brüssel das bisherige Rettungsprogramm für beendet erklärt worden war. Die Griechen sollten nun selbst abstimmen: für oder gegen neue Sparvorgaben der EU. Sie entschieden sich für ein Nein.

Es war eine Trotzreaktion, ein Widerstandsverhalten ganz ähnlich jenem irrationalen Gefühlsausbruch, dem sich auch die Briten in ihrem Referendum jetzt hingegeben haben. Wogegen aber lehnten sich diese beiden europäischen Völker auf? Es heißt einerseits, dass die Briten mit ihrer sozialen Lage unzufrieden seien und dies der EU anlasteten. Wenn auch die wirtschaftlichen Ursachen unterschiedlich sein mögen, so gilt Gleiches natürlich in anderer Intensität auch für Griechenland.

Die Einwanderungsfrage hat aber womöglich noch eine stärkere Rolle in der Brexit-Entscheidung gespielt. Wir erinnern uns an die Bilder von dem nunmehr zurückgetretenen Ukip-Chef Nigel Farage vor einem Plakat, das einen gewaltigen Flüchtlingstreck zeigt. Darunter der Slogan: "Kontrolle zurückerobern!" Farage hätte genauso gut die Bilder von den Schlauchbooten voller verzweifelter Menschen zeigen können, die seit dem Sommer letzten Jahres auf den griechischen Inseln ankamen. An die Grexit-Krise nämlich schloss sich nahtlos die Flüchtlingskrise in Griechenland und Europa an. Und man kann auch hier behaupten, die beiden Ereignisse hätten nichts miteinander zu tun, doch es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Mitte Juli beugte sich der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras den Forderungen der europäischen Partner nach einem neuen Sparprogramm und drehte damit das Nein des griechischen Referendums in ein Ja um. Ein bittere Niederlage. Der Mehrheit der EU-Länder war es offenbar nicht so wichtig, eine Kompromisslösung im Schuldenstreit zu finden, mit der auch Tsipras einigermaßen hätte sein Gesicht wahren könne. Diese negative Dynamik wirkte nun in die Flüchtlingskrise hinein. Niemand in der griechischen Regierung verspürte in den folgenden Wochen auch nur die geringste Lust dazu, sich intensiver um die vielen Tausend Menschen zu kümmern, die nun auf den Inseln ankamen. Man setzte sie auf Fähren, ließ sie ohne Registrierung bis zur Grenze weiterreisen – euer Problem, liebe EU.

Es dauerte monatelang, bis die EU ein geregeltes Verfahren aufbauen konnte, auch bis sie eine Vereinbarung mit der Türkei geschlossen hatte, um die Lage einigermaßen zu beherrschen. Sicher wäre es für Tsipras ohnehin schwierig gewesen, angemessen auf die neue Herausforderung durch die Fluchtbewegung zu reagieren. Der Eindruck der vollkommen außer Kontrolle geratenen Migration aber, der sich auch bei den Briten festgesetzt hat, wäre zu vermeiden gewesen, hätte die EU von Anfang an gemeinsam mit Griechenland entschlossen an einer besseren Organisation arbeiten können. Die Regierung in Athen aber ließ die Sache so lange schleifen, bis die Länder auf der Balkanroute ihre Grenzen schlossen und sie zum Handeln gezwungen war.

Die europäischen Exit-Spiele sind historische Entwicklungen, die sich sehr wohl zueinander verhalten und gegenseitig bedingen. Das zeigt nicht allein die gemeinsame Etymologie. Es wird Zeit, dass wir in Europa dies zu verstehen beginnen. Sonst folgt schon bald die nächste Episode.