Schon vor der Bekanntgabe der Resultate war niemand so richtig glücklich mit dem neuen Stresstest für Europas Banken. Ein Aufseher schimpfte im Zwiegespräch auf den anderen Aufseher. Der Bundesverband deutscher Banken kritisierte, dass der Test das Problem der niedrigen Zinsen ignoriert. Und manch ein Banker nölte, dass die Prüfung zu holzschnittartig ausfalle und den Besonderheiten seines Instituts – natürlich – überhaupt nicht gerecht werde.

Viele Beteiligte redeten die Bedeutung der Übung schon herunter, bevor sie abgeschlossen war. Mit Erfolg, denn als die Ergebnisse am Freitagabend um 22 Uhr veröffentlicht wurden, schienen sie schon keinen mehr so richtig zu interessieren. Ach ja, wieder ein Stresstest – und Hand aufs Herz, hat nicht jeder Freitagabend Besseres zu tun, als sich mit den Kernkapitalquoten der Powszechna Kasa Oszczędności Bank Polski SA zu befassen? Eben.

Vieles wird zu Recht kritisiert. Der Test der EU-Bankenaufsicht EBA umfasst nur 51 Institute und ein Problemland wie Portugal hat er gleich ganz von der Übung ausgenommen. Dass seine Szenarien die niedrigen, vielfach negativen Zinsen außen vor lassen, die vielen Banken in Europa schon heute schwer zu schaffen machen und sich wahrscheinlich deutlich länger durch ihre Bilanzen fressen werden, als bisher gedacht, ist absurd und mindert die Aussagekraft der Ergebnisse. Zudem bringt die ganze Mühe wenig, wenn anschließend keine Konsequenzen daraus gezogen werden, wie beim Stresstest 2014 im Fall Italien geschehen. Dort schwelten die offengelegten Probleme der Banken munter vor sich hin, bis sie in diesem Sommer wieder hochpoppten.

Trotzdem ist die Übung nicht umsonst. Der Stresstest lohnt einen näheren Blick.

  • Erstens: die Daten. Wer sich zum Beispiel das Material für das Institut mit dem bei Regulatoren weltweit gültigen Code 7LTWFZYICNSX8D621K86 vornimmt, besser bekannt als Deutsche Bank, der stöhnt im ersten Moment: 29 Seiten, eng bedruckt, mit Dutzenden Tabellen und Tausenden Zahlen. Sie geben wieder, wie das Portfolio der Bank Ende 2015 aussah und welche Folgen die zwei getesteten Szenarien für die Kapitalausstattung hätten. Das ist Transparenz in einem Maß, das zunächst mehr verwirrt als hilft. Wer will wirklich wissen, wie groß das Volumen litauischer Staatsanleihen mit einer Laufzeit von drei bis fünf Jahren ist, das die Bank hält? Dennoch werden sich die Analysten und Investoren freuen, denn der Absturz der Bankaktien in diesem Jahr ist auch dem Gefühl geschuldet, nicht genau zu wissen, was noch alles in den Häusern steckt. Die veröffentlichten Daten werden für einige neue Erkenntnisse sorgen.
  • Zweitens: die alte Gefahr. Das bei Weitem größte Loch in die Kapitalausstattung der Banken reißt im Test die unterstellte Rezession. Das sollte Politiker und Bürger daran erinnern, dass viele Institute heute stabiler erscheinen, als sie sind, gerade auch in Deutschland. Aktuell geht es der Wirtschaft hierzulande gut, nur wenige Kredite fallen aus, entsprechend wenig Risikovorsorge haben die Banken gebildet. So aber kann und so wird es nicht auf Dauer bleiben, der nächste Konjunktureinbruch wird kommen. Zwar haben die deutschen Institute solide abgeschnitten, doch wenn wieder größere Rückstellungen für faule Kredite gebildet werden müssen, wird deutlicher zutage treten, dass viele Institute Schwierigkeiten haben, überhaupt noch Geld zu verdienen.
  • Drittens: die neue Gefahr. Erstmals hat der Stresstest auch Rechtsrisiken berücksichtigt. Früher achteten Aufseher auf Kreditausfälle oder Marktschwankungen, inzwischen haben sie aber erkannt, dass auch ein Versagen des Managements oder kriminelles Verhalten von Mitarbeitern ein substanzielles Problem darstellen. Staaten verhängen Milliardenstrafen, Prozesse können ebenfalls teuer werden. Mag sein, dass der Test es sich zu einfach macht, indem er die Rechtskosten der vergangenen Jahre in die Zukunft fortschreibt, doch vor neuen Vergehen ist keine Bank gefeit – und die 71 Milliarden Euro, mit denen Rechtsrisiken im Test zu Buche schlagen, unterstreichen, wie wichtig es ist, dass die Branche dem weiter vorbeugt.

Erfreulich ist, dass die untersuchten Banken in der Summe deutlich stabiler dastehen als beim Stresstest 2014. Binnen zwei Jahren haben die 51 Häuser ihr Kapitalpolster insgesamt um stolze 180 Milliarden Euro aufgebessert. Im Krisenszenario allerdings schneiden nicht nur Banken aus Spanien, Italien oder Irland schlecht ab, sondern auch Institute in Deutschland, Österreich und Großbritannien.

Und etliche Häuser bleiben Problemfälle. Die italienische Bank Monte dei Paschi di Siena, die im Test katastrophal abgeschnitten hat, sicherte sich immerhin endlich ein Hilfspaket, das sie stabilisieren soll, nur Stunden vor der Veröffentlichung der Ergebnisse. Die Deutsche Bank lieferte durchwachsene Zahlen ab, versicherte aber, "auf einem guten Weg" zu sein, den Zielwert für ihre Kapitalausstattung "bis Ende 2018" zu erreichen. Mal sehen, wie die Analysten, die sich nun über die Zahlen beugen, das beurteilen werden – und wie die Börse am Montag reagiert.