Wenn es nach den Prognosen der Brexit-Befürworter ginge, müssten sich britische Unternehmer jetzt eigentlich freuen: Keine andere große Währung der Welt hat dieses Jahr so drastisch abgewertet wie das Pfund. Diese Woche erreichte der Wechselkurs mit 1,278 Dollar den niedrigsten Stand seit 31 Jahren. Die Abwertung des Pfund soll der britischen Wirtschaft helfen, vor allem im Export. Das jedenfalls meinen die Brexiters.

Zugleich deutet die politische Entwicklung darauf hin, dass es mit der Zukunft Großbritanniens außerhalb des Binnenmarktes ernst werden könnte. Beide Kandidatinnen für den Posten der Premierministerin, Theresa May und Andrea Leadsom, halten wenig von der EU-Freizügigkeit der Arbeitskräfte, ohne die es aber den zollfreien Zugang zum Binnenmarkt nicht gibt.

Die Finanzchefs britischer Unternehmen rechnen daher bereits aus, ob ihnen das billige Pfund etwas bringt, wenn ihnen gleichzeitig Zölle beim Handel mit dem EU-Binnenmarkt drohen. Die Ankündigung von Schatzkanzler George Osborne, die Körperschaftsteuer von 20 auf weniger als 15 Prozent zu senken, scheint da nur ein schwacher Trost zu sein.

Billiges Pfund hilft nicht immer

Könnte Großbritannien künftig als Billig-Standort doch punkten? Die Brexit-Anhänger schwärmen davon. Es würde zu der ehemaligen Doktrin der Briten passen, mit besonders laxer Finanzmarktregulierung führender Finanzplatz der Welt zu werden. Was viele vergessen: Die Folge dieser Politik war die Finanzkrise, in der gerade das Londoner Geschäft des Versicherungskonzerns AIG eine wichtige Rolle spielte.

Ein Blick vor allem auf die Industrie im Nordosten Englands zeigt, dass der Wettbewerbsvorteil des Pfund sich nicht immer auszahlt. Es hängt nämlich erheblich davon ab, wie hoch der Anteil der Halbfertigprodukte ist, der aus dem Ausland importiert wird.

Der Autohersteller Nissan beschäftigt in Sunderland 7.000 Mitarbeiter und exportiert 70 Prozent der produzierten Autos in die EU. In der gleichen Stadt stellt Liebherr Kräne für Schiffe und Bohrinseln her, weitgehend für den weltweiten Export. In der Automobilindustrie beträgt der in Großbritannien produzierte Anteil an Halbfertigprodukten im Schnitt 40 Prozent, bei Produzenten hochwertiger Industriegüter kann der importierte Anteil der Halbfertigwaren bis zu 80 Prozent betragen.

Neue Wechselkursrisiken

Ob diese Unternehmen im Exportgeschäft vom sinkenden Pfund profitieren, hängt von der Verrechnungswährung des Konzerns ab. Für Unternehmen, die innerhalb des Konzerns mit dem Euro oder Dollar als Verrechnungswährung kalkulieren, ist der sinkende Wechselkurs des Pfund gut: Je stärker das Pfund fällt, desto billiger wird die Produktion in Großbritannien. Die internen Kosten für britische Löhne und britisch gefertigte Produkte sinken.

Für Unternehmen, die innerhalb des Konzerns in Pfund kalkulieren, sieht das Bild anders aus. Für sie verteuern sich die aus dem Ausland bezogenen Halbfertigprodukte, ihre internen Kosten steigen also. Dies kann dazu führen, dass diese Unternehmen entweder ihre Preise erhöhen oder draufzahlen müssen, dann also kleinere Gewinnmargen akzeptieren müssen. Die Frage ist, ob die Unternehmen die höheren Importkosten an ihre Kunden weiterreichen können. Je härter der Wettbewerb, desto schwieriger ist dies.

Das gilt vor allem für den Handel und die Nahrungsmittelindustrie. So warnte der Chef der Kaufhauskette John Lewis, dass die Abwertung des Pfund die Kosten des Konzerns in die Höhe treiben würde. "Für dieses Jahr haben wir unsere Wechselkursposition abgesichert, aber das nächste Jahr wird ein Problem", sagte Andy Street. Wegen der Wechselkursabsicherung können einige Handelsbetriebe darauf verzichten, die höheren Importkosten schon jetzt an ihre Kunden weiterzureichen. Die Folgen des abgewerteten Pfund werden aber mittelfristig sichtbar werden.