ZEIT ONLINE: Herr Sebastian, bereits der dritte große Immobilienfonds in Großbritannien hat wegen eines möglichen Brexit den Handel eingestellt. Zu viele Kunden wollen ihr Kapital abziehen. Gerät der britische Immobilienmarkt gerade in Panik?

Steffen Sebastian: Nein, schon vor dem Referendum wurden in Großbritannien Kaufverträge häufig mit einem Rückzugsrecht im Falle eines Brexits abgeschlossen. Dass ein Brexit Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben wird, haben viele vorhergesehen. Genau das ist jetzt eingetreten. Interessanterweise ziehen aber institutionelle Anleger ihre Mittel aus den britischen Immobilienfonds derzeit nicht ab. Wir beobachten  also vor allem eine Reaktion der Privatanleger auf den Brexit und die damit verbundene Unsicherheit.

ZEIT ONLINE: Aber ist diese Unsicherheit nicht fatal?

Sebastian: Nicht unbedingt. Der klassische britische Fonds war für institutionelle, also größere Anleger gedacht. Die Fonds sind deshalb mit geringerer Liquidität ausgestattet. Niemand erwartet, sein Geld binnen 24 Stunden zurück zu bekommen. Offene Immobilienfonds für Privatanleger sind in Großbritannien ein vergleichsweise neues Produkt. Hier ist zwar grundsätzlich eine tägliche Rücknahme möglich, aber auch das geht nur, wenn genügend Liquidität da ist. In Großbritannien hatten aber auch die Fonds für Privatanleger selten mehr als 10 Prozent liquide Mittel. Jetzt müssen sie deshalb die Rücknahme der Anteile einstellen.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht ein Problem?

Sebastian: Nein, das ist völlig normal. Die Fonds müssen erst einmal wieder Immobilien verkaufen oder neue Anteile verkaufen, damit sie ihre Kunden auszahlen können. Das ist aber bei Immobilienfonds immer schon so gewesen. Sie sind nicht als unbegrenzt liquide Vermögensanlage konzipiert.

Steffen Sebastian ist Professor am Lehrstuhl für Immobilienfinanzierung der Universität Regensburg. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Forschung zu Immobilien als Anlagewert, dazu zählen neben Direktanlagen auch mittelbare Anlagen über offene Immobilienfonds oder Immobilien-Aktiengesellschaften. © Universität Regensburg

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland hatten wir wegen Kapitalabflüssen vor etwa zehn Jahren eine Krise im Markt für offene Immobilienfonds.

Sebastian: Die weltweite Finanzkrise war eine völlig andere Situation als der Brexit. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Zudem kann es nun wirklich niemanden mehr überraschen, dass Offene Immobilienfonds die Rücknahme auch einmal aussetzen müssen.

ZEIT ONLINE: Welche konkreten Befürchtungen stehen denn hinter den Verkäufen der Anleger?

Sebastian: Es wird befürchtet, dass die Preise für Immobilien jetzt sinken werden. Die Risiken sind natürlich mit einem möglichen Brexit größer geworden. Insbesondere für einen Investor, der in Euro rechnen muss, ist es eigentlich bereits zu spät. Allein dadurch, dass das britische Pfund gefallen ist, ist die Einlage deutlich weniger wert.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn künftig gerade Gewerbeimmobilien leer stehen, weil viele Unternehmen aus Großbritannien abziehen?

Sebastian: Natürlich hat der Wirtschaftsstandort Großbritannien an Attraktivität verloren – gerade für Neugründungen. Aber eine Unternehmenszentrale lässt sich nicht von heute auf morgen verlegen. Außerdem hat die britische Regierung bereits angekündigt, die Steuern zu senken, um der Abwanderung von Unternehmen entgegenzuwirken. Im Finanzsektor wird das nicht anders laufen. Möglicherweise wird die Regierung in London den Finanzmarkt stark deregulieren und damit attraktiver machen als Frankfurt oder jeden anderen Standort in der EU.