ZEIT ONLINE: Hatte Lula da Silva über seine Verhältnisse gelebt, den ganzen Boom auf Kredit finanziert?

Da Silva: Wenn Sie kleine Geldsummen in die Hände von sehr vielen Menschen legen, wird eine Saat aufgehen. Wir haben 70 Millionen ärmerer Menschen in den Wirtschaftskreislauf hineingeholt! Die haben jetzt eine Kreditkarte und ein Bankkonto. Die Wirtschaft lief rund, als Millionen Arme in die Läden kamen und einkauften. Sie brauchen Schuhe, Socken, Joghurt, auch einen Fernseher und ein Bier. Wir haben den Ärmsten Kredit gegeben. Es hat den Binnenmarkt belebt.

ZEIT ONLINE: Ihre Nachfolgerin Rousseff sah sich anschließend zu einer drastischen Sparpolitik gezwungen.

Da Silva: Zu Dilma habe ich immer gesagt: In einer Wirtschaftskrise können die Armen uns wieder retten.

ZEIT ONLINE: Mit kreditfinanziertem Konsum?

Da Silva: Ja, mit mehr Kredit. Wir müssen allen Menschen Möglichkeiten bieten, aus der Armut aufzusteigen. Viele Menschen in Brasilien besitzen noch gar nichts. Wie soll sich die Wirtschaft sonst erholen, wenn die Mittelschichten und die Reichen nichts mehr kaufen und die Unternehmer nichts investieren? Und warum darf ein wohlhabender Brasilianer nach Disneyland fliegen und sich mit irgendwelchen Enten fotografieren lassen, aber ein armer Mensch daheim darf sich kein Mobiltelefon oder ein Auto wünschen?

ZEIT ONLINE: Weil auf den Boom diese Krise folgte, haben viele arme Brasilianer heute weniger als zu Beginn der Lula-Ära.

Da Silva: Ich weiß. Das hätte nicht passieren dürfen. Hier wurden schwere politische Fehler gemacht. Dilma weiß, dass ich so denke.

Da steckt ein bitterer Vorwurf drin. In der Bewegung des Ex-Präsidenten denken viele so: Dass Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff am Ende vor den Forderungen der Ökonomen und den Drohungen der Märkte eingeknickt sei. Dass sie dem Land – wenn auch mäßig und unter Beibehaltung der sozialen Programme aus der Lula-Ära – dem Land eine Austeritätspolitik verschrieb. "Falls alle unsere Errungenschaften auf dem Spiel stehen", sagt er, werde er bei einer künftigen Wahl nochmal antreten und alles richten. Das geht schon seit Monaten so: Da Silva bringt sich ins Gespräch – und ziert sich dann wieder. Umfragen zeigen das Wahlvolk tief gespalten: Ein beachtlicher Teil würde Lula noch mal wählen, ein anderer beachtlicher Teil will ihn hinter Gittern sehen, hält ihn für einen Banditen, gibt ihm Schuld an der grassierenden Korruption im Land.

Da Silva: Die brasilianischen Medien säen Hass gegen mich und meine Partei. Sie haben diese Spaltung der brasilianischen Gesellschaft erzielt. Ein Klima des Hasses ist entstanden. Gefährlich, weil er auch den Glauben an die Politik ruiniert! Die Leute dürfen aber nicht aufhören, Politiker zu mögen. Die Menschen müssen einen Weg in die Zukunft wählen, und zwar in der demokratischen Politik, nicht in einem autoritären System.

ZEIT ONLINE: In vielen Ländern Lateinamerikas stecken linke Regierungen in der Krise.

Da Silva: Wir erleben eine Phase von Rückschritten bei den sozialen Errungenschaften. Aber die Leute können sich bei den nächsten Wahlen wieder bessere Leute aussuchen. Dass in mehreren Ländern konservative Politiker an die Macht gekommen sind, erschreckt mich nicht. Wenn die rechten Parteien uns unsere Politik abschauen sollten, fein. Wenn die Bevölkerung merkt, dass sie unter diesen Politikern etwas verliert, wird sie sich politisieren und das nicht hinnehmen. Das ist unser größter Trumpf.

ZEIT ONLINE: Viele junge Leute wenden sich heute rechten Parteien zu. Oft aus den Bevölkerungsschichten, denen Ihre Politik am meisten geholfen hat.

Da Silva: Wer von Angela Merkel irgendwas erhält, gibt ihr auch nicht unbedingt seine Stimme.

ZEIT ONLINE: Viele Leute glauben, dass sie dem Sozialismus gar nicht so viel verdanken. Sie glauben daran, dass jeder seines Glückes Schmied sei – oder dass Gott sie für Moral und harte Arbeit belohnt. Mit einem Auto, einer Zahnprothese und einem Fernseher.

Da Silva nickt und er lacht. "Diesen Wunsch will ich gerne erfüllen", sagt er.