ZEIT ONLINE: "Alles ist gesagt": das steht als Titel über dem ersten Kapitel Ihres Buches zur "Ökoroutine". Aber warum dann überhaupt noch schreiben?

Michael Kopatz: Tatsächlich ist das Bewusstsein für Umweltzerstörung und Klimawandel in der Bevölkerung hoch. Aber wir leben ja seit Jahren mit diesem Paradox: Obwohl 90 Prozent der Menschen mehr tun wollen, passiert einfach nicht genug. Nehmen Sie das Tempolimit als Beispiel: eine ganz einfache, hoch wirksame Maßnahme, lange bekannt – und trotzdem ist sie immer noch nicht eingeführt. Wir Wissenschaftler müssen die Themen also immer wieder aus neuen Perspektiven anschauen und diskutieren. So lange, bis sie wirklich durchdrungen und durchgedrungen sind.

ZEIT ONLINE: Politiker, die Wirtschaft, auch viele NGOs setzen beim Klima- und Ressourcenschutz vor allem auf das Verhalten des kritischen Konsumenten. Warum kritisieren Sie das?

Kopatz: Weil sich eindeutig gezeigt hat: Das klappt nicht. Bei moralischen Appellen fühlen sich die Menschen alleingelassen und ohnmächtig gegenüber den globalen Herausforderungen. Die Mehrheit der Leute denkt am Ende: Was bringt das schon, wenn ich als Einzelner aufs Auto verzichte oder weniger Fleisch esse? Selbst viele umweltpolitisch Engagierte setzen keineswegs um, was sie propagieren. Meine Antwort: Andere Konsum- und Lebensgewohnheiten müssen zur Routine werden.

ZEIT ONLINE: Was genau ist mit "Ökoroutine" gemeint?

Kopatz: 90 Prozent der praktischen Dinge in unserem Alltag tun wir, ohne groß darüber nachzudenken. Beim Einkauf zum Beispiel steuern wir immer wieder auf bestimmte Produkte zu, damit wir nicht jedes Mal neu entscheiden müssen. Diese Entlastung suchen und brauchen wir. Deshalb muss man sie ermöglichen – mit Regeln, die Gelegenheitsstrukturen für ökoverträgliches Alltagshandeln schaffen.

ZEIT ONLINE: Wer soll das tun?

Kopatz: Ökoroutine ist eine Aufgabe für die Politik und die Produktion. Wenn Geräte energieeffizienter werden oder der Flugverkehr eine Obergrenze bekommt, dann ändern sich Konsum und Verhalten von selbst.

ZEIT ONLINE: Aber Gesetze, Regeln und Standards durchzusetzen, erfordert viel Zeit.

Kopatz: Es geht zu langsam, doch wir sind schon auf dem Weg. Nur den Wenigsten ist beispielsweise bewusst, dass Fernseher statt 8 Watt nur noch ein halbes Watt verbrauchen, wenn sie auf Stand-by eingeschaltet sind. Das sind EU-Vorgaben, und sie erzielen bei einer Einkaufsgemeinschaft von 500 Millionen Einwohnern eine gewaltige Wirkung. Bei Neubauten hat sich Energieeffizienz über die letzten 20 Jahre schrittweise erhöht, seit 2021 ist der Nullenergiestandard EU-weit vorgeschrieben. In ähnlicher Weise müssen wir jetzt beim Fleisch die Standards für Tierhaltung und Fütterung kontinuierlich weiter anheben, in berechenbaren Zeiträumen und für alle verpflichtend. Dann haben wir in zehn, zwanzig Jahren 100 Prozent Biohaltung.

ZEIT ONLINE: Als wäre das so einfach. Gegen solche Standards gibt es vehemente Widerstände aus den Industrien, die sich ändern müssen.

Kopatz: Nicht immer. Die Maßnahmen zur Ökodesignrichtlinie sind gemeinsam mit der Industrie entwickelt worden. Aber ich gebe zu: Der Widerstand ist immens, wenn wir auch Limits für die Zahl der Starts und Landungen im Flugverkehr oder einen Straßenbaustopp beschließen wollen. Und das müssen wir.

ZEIT ONLINE: Sie fordern überdies wirkungsvolle Dieselsteuern, Kerosinsteuern, Finanztransaktionssteuern. Aber schon viele Versuche, sie einzuführen, sind gescheitert oder endeten mit kleinmütigen Kompromissen. Was lässt Sie hoffen, dass das jetzt anders wird?

Kopatz: Wir haben immerhin schon eine Flugabgabe von je nach Strecke sieben bis zu 35 Euro durchgesetzt.

ZEIT ONLINE: Das ist doch viel zu niedrig, um die Leute vom Fliegen abzuhalten?

Kopatz: Aber es ist ein Anfang.